Seit meinem Abend mit Übeer und seinen Freunden hat sich meine Lage erheblich gebessert. Ich will nicht sagen, ich erlaube mir nun dreisteres Benehmen, wohl aber muß ich gestehen, daß der Gedanke, Übeer befindet sich aufgrund unseres Geheimnisses in der schwächeren Position, mir ein bis dato nie dagewesenes Selbstbewußtsein beschert.– Auf keinen Fall habe ich vor, dies auszunutzen; verlockend ist es allemal.
Schon am nächsten Tag, als die anderen Beteiligten noch ziemlich hangovered im Kaminzimmer Clusterkopfschmerz und Sodbrennen zelebrierten, hatte ich Gelegenheit, meine Machtposition auszubauen. Ausgeschlafen und heiter gesellte ich mich frühmorgens zu den maroden Katern-sie schlürften Espresso mit Zitronensaft, auf dem Tisch lagen Aspirin, Samarin und Magnesium neben einem Blutdruckmeßgerät—alle 4 sahen mich aus blutunterlaufenen Augen an und riefen, als ich die Jalousien hochziehen wollte: “Bitte nicht! Erst wollen wir frühstücken.”
Übeer sah ganz fürchterlich aus-sein Teint hatte die Farbe von Recyclingpapier; als Konrad Eierspeise mit geräuchertem Speck kredenzte, hielt er sich die Hand vor den Mund und wandte sich ab.
“Konrad-mach mir ein Chadeau!”, sagte er, “mit 3 Eiern und schön flaumig!” Konrad (der zwar jung, schön anzusehen und abgesehen davon auch ein ausgezeichneter Koch war) hatte keine Ahnung, wovon die Rede war.
Ich allerdings dachte sofort an meine Großmutter, eine Weinbäuerin par excellence, und an meinen Vater, der ein Lebemann war und mir schon in frühester Jugend das Allheilmittel für alkoholisch verursachte Unpäßlichkeiten eingetrichtert hatte:
“Ich mach das schon, Übeer”, sagte ich und begab mich in die Küche, erwärmte Weißwein im Wasserbad, tat Zucker und Dotter dazu und rührte, bis das Ganze eine mollige Konsistenz bekam, ein paar feine Bläschen schlug und am Kochlöffel herunter rann wie Honigseim–
“Ach, Vivienne”, seufzte Übeer, “was machen wir nur ohne Dich! Das schmeckt vorzüglich!”
“Danke”, sagte ich, ” aber schließlich wurde ich mit diesem Brei großgezogen. Übrigens” und jetzt hasardierte ich ,” wann hab ich eigentlich Urlaub?”
Übeer hielt inne, legte den Löffel nieder und zog die Brauen hoch.
“Ääh–Wie bitte?? Urlaub? Wieso…Eigentlich schon, aber..ich weiß nicht…”
“Na ja. Ich bin seit 6 Monaten hier und da dachte ich, ich könnte zwischendurch für 2 Wochen nach Hause fliegen und nach dem Rechten sehen. Ach, Hubert-bitte!” Übeer schüttelte den Kopf:” Meine Frau kommt doch bald–sie möchte dich endlich kennen lernen, kannst du nicht im Januar?”
“Ich glaub einfach, daß ich ein bißchen Abstand brauche”, sagte ich, “weil ich, ehrlich gesagt, nicht weiß, was ich ihr erzählen soll, wenn sie wissen möchte, wie es mir seit meiner Ankunft ergangen ist.”
Unschuldiger Blick –Übeer verstand sogleich: Ich hatte gewonnen.
Als ich in meinem Zimmer war, schickte ich ein E-mail an Joana:
“Allerliebste Freundin!
Du wirst es nicht glauben, aber ich komme nach Hause! In 2Tagen kannst du mich am Flughafen abholen. Ich bitte dich, meinen Keller einzuheizen und frische Bettwäsche aufzuziehen- unter der Mikrowelle findest du 150 Euro- kaufe damit Sterzmehl, Kernöl und 6 Flaschen südsteirischen Wein (Junker!). Außerdem vom Bauernmarkt am Kaiser-Josef-Platz geselchtes Lendbratl und Breinwurst, Preßwurst und (oder) Blutwurst. Wenn noch was übrig bleibt, einen Tiegel Verhackert und Grammeln. Ich freue mich!
Deine Rosamunde!
P.S. Auf keinen Fall Fisch!
P.S.II: Pinacolada nicht vergessen!











