Zitronen blühen keine mehr.

Nach 2 Stunden Flugzeit erreiche ich die Insel-als ich aussteige und mir die blütenduftschwangere Luft der korsischen Macchia um die Nase weht, fühle ich mich wie Christof Columbus (vermutlich). Aller Ballast fällt von mir ab, der miefige Keller ist längst vergessen und obwohl ich keine Ahnung habe, wie dieses Abenteuer weiter gehen wird, schreite ich mutigen Schrittes durch die Abfertigungshalle, beflügelt von der eigenen Courage und zwei Gläsern Champagner, die mir von einer französischen Stewardess kredenzt wurden.

Es wimmelt von Menschen, die  wegfliegen oder ankommen, warten oder erwartet werden. Ich will gerade auf den Info-Schalter zusteuern, als plötzlich ein kleiner schwarzhaariger Mann mittleren Alters vor mir steht. Den rechten Arm trägt er in einer Schlinge, die dazugehörige Hand ruht auf einem ansehnlichen Bäuchlein, mit der gesunden fuchtelt er vor meinem erschrockenen Gesicht herum—”Madame, oh mon dieu!  Endlich habe ich Sie gefunden!”

Du, geneigter Leser, wirst dir nur annähernd vorstellen können, welche Empfindungen mich in diesem Moment durchdrungen, wohl aber und dessen bin ich mir sicher, wirst du ungläubig die Hände über dem Kopf zusammen schlagen und dir mit den Worten: “Das darf doch wohl nicht wahr sein! Da fährt sie um die halbe Welt, nur um von einem schmerbauchigen Korsen…” einen Cognac hinter die Binde kippen.

Gemach! Gemach!

Der kleine Korse nestelt in einer Tasche  herum und hält mir einen Brief unter die Nase, der augenscheinlich von einer Österreicherin stammt (ich erkenne den Uhrturm auf der Marke)- ich lese: ” Sehr geehrter Monsieur !Ankomme Freitag, den 16.4. um 11 Uhr 20. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit und warte beim Info-Stand. Herzlichst, Vivienne”

Ich seh mich um, der Info-Stand ist leer. Nur ich steh dort und der komische kleine Mensch, der jetzt langsam ungeduldig wird. “Vite, Madame-der Chef wartet nicht gern!”

Bahnbrechende Entscheidungen muß man aus dem Bauch heraus treffen und genau das tu ich. Nachdem ich nichts zu verlieren habe, sage ich also mit meinem zuckersüssesten Lächeln: ” Bonjur, ich bin Vivienne und freue mich, Sie kennen zu lernen. Von mir aus können wir fahren:”

“Ich bin Jaques und dort drüben parkt unser Cabriolet. En voiture”, mit diesen Worten schiebt er mich zum Ausgang. Vor der Tür steht ein weisser Mercedes ohne Dach, ich will mich gleich auf den roten Ledersitz des Beifahrers schwingen, als Jaques mich mit einem strafenden Blick zurecht weist: “Bei mir sitzt niemand vorne! Stellen Sie sich vor, wir haben einen Unfall…”  Ja und, will ich den Gedanken weiter spinnen, glaubt der denn wirklich, daß auf dem Rücksitz noch niemand zerquetscht wurde? Wohlweislich halt ich aber meine Klappe, und harre gottergeben der Dinge, die da kommen.

Die Reise führt uns eine halbe Stunde durchs Hinterland, knorrige Olivenbäume säumen die Straße, hin und wieder seh ich das schimmernde Blau des Meeres durchblitzen, und jetzt endlich hab ich Zeit, die sich überschlagenden Ereignisse Revue passieren zu lassen.  Auf jeden Fall werde ich, bzw. diese Vivienne erwartet, die offensichtlich ein Angestelltenverhältnis im Auge hat.

Meine Phantasie geht mit mir durch und ich seh mich als geschätzte Gesellschafterin einer äußerst liebenswerten Schwiegermutter mit französischen Wurzeln, der ich am Nachmittag Tee bereite und in der geräumigen, ebenholzgetäfelten Bibliothek vorlese, während mir zur Dämmerstunde hin die prachtvolle Stute des Hausherrn zur Verfügung steht, um meine Reitkenntnisse zu vervollkommnen—vielleicht auch hat der ominöse Patron eine österreichische Köchin gesucht, die seine Familie mit Knödln, Topfenstrudel und gefüllter Kalbsbrust bei Laune hält… Ob ich wohl noch bei Trost bin, fragst du dich, dir mit zitternder Hand den 3. Cognac einschenkend–und ich höre die liebe Joana, die mir mit kalkweißem Gesicht aus der Ferne zuruft: “Halt ein!-noch ist es nicht zu spät. Spring aus dem Wagen, mach den Rücken krumm und laß dich abrollen. Rosamunde, komm zurück, BITTE–Rosamunde….!!!”

“Hallo-Vivienne!  Madame–träumen Sie? Wir sind da!”

Ich laß Joana unerhört weiter rufen, öffne die Augen und bin erst mal nur perplex. Wir befinden uns in einem gepflasterten Hof vor einer dieser typisch mediterranen Villen mit cremefarbenem Anstrich und rotem Schindeldach. Ringsherum Zitronenbäume mit fetten Früchten, darunter Blumenteppiche, gewoben aus blauen Sternen und Lavendel, es duftet nach allen möglichen Kräutern–ich muß mir eine anrauchen.

Aus den Augenwinkeln seh ich einen Menschen mit Anzug und Krawatte auf mich zukommen, er durchschreitet den schmiedeeisernen Torbogen, der umrankt ist von Weinblättern, mein Kopf spielt rasch noch Fluchtszenarien durch, aber: zu spät!

“Vivienne-(er breitet seine Arme aus)-wie ich mich freue, daß Sie da sind. Ich bin Hubert” ( er sagt Übeer), willkommen auf Korsika! Sie sind ja viel jünger, als wir angenommen haben…..aber mit Ihren Referenzen….Sie scheinen ein wahrer Glücksgriff zu sein!”

Nachdem über meiner künftigen  Stellung noch immer der Schleier der Unwissenheit liegt, antworte ich brav:” Ja, wir Österreicher schaffen das schon!”, während ich darauf warte, daß er mir gleich die Küche, die Schwiegermutter oder den zu pflegenden Vollbluthengst vorstellen wird.

“Wissen Sie”, meint er bekümmert, “wir hatten schon eine Nanny aus London und eine sehr bemühte Frau aus Neapel…Ihre Vorgängerin war sogar eine  Njanja aus Sewastopol, aber der Wodka …… Umso froher bin ich, daß Sie sich der Herausforderung stellen  und meinen zwei Kindern Freundin, Lehrerin und Vorbild sein wollen! Ich danke Ihnen für Ihre Zuversicht–sie wissen ja aus meinen Briefen, daß Ihre Aufgabe keine leichte sein wird—aber nun kommen Sie herein- hier bei uns ist es üblich, das neue Familienmitglied mit Brot und Wein willkommen zu heißen.”

Als ich zu mir komme, nehme ich Jaques wahr, der mir mit einer Strassenkarte Luft zufächelt—ich liege unter einem Zitronenbaum, eine weißbeschürzte Frau schiebt ein Kissen unter meine Beine und ein besorgter Übeer reicht mir ein Glas Wasser: ” Die Kinder werden Sie dann morgen kennen lernen.”

1 Kommentar

  1. A. sagte,

    Juni 22, 2011 um 8:37 am

    schön….
    bin gespannt auf die nächste Ausgabe vom Bosphorus….bussi !!!!


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