Die Frau mit der weißen Schürze bringt mich in mein Zimmer. Sie ist sehr groß-ihre fast hagere, knochige Gestalt bewegt sich ungelenk und wenig damenhaft. Bei jedem Schritt raschelt ihr gestärktes Kleid, als wehe ein Tramontana durch sie hindurch und im übrigen hat sie noch kein Wort an mich gerichtet. Ich versuche in ihrer Mimik zu lesen und erkenne meinen Zusammenbruch auf Stufe 123 auf der nach oben offenen Unbeliebheitsskala.
Überhaupt- dieses Gesicht: Augen wie Säbelstiche, darüber buschige Brauen, die eines Yeti(so man ihn gesehen hat) gerecht werden, die Nase (oh Klischee!) ein Höcker und darunter der wenig gelungene Versuch, sich eines schwarz sprießenden Damenbärtchens zu entledigen. Was überhaupt nicht dazu paßt, ist ihr breiter Mund und das anschließende , fliehende Kinn…man hat den Eindruck, als würde noch irgendwas fehlen–das Gesicht hört einfach auf!
Ich überleg mir gerade, ob sie französisch spricht, als sie mit einem Ruck stehen bleibt und sagt: ” Ich heiße Leocadie und organisiere das Haus. Diese Tür ist ihr Zimmer und brauchen sie etwas, müssen sie warten, wenn ich habe die Zeit. Sprechen sie deutsch bitte. Der Patron will das. Auf Wiedersehen.”
Sie raschelt noch einmal und verschwindet im Korridor.
Mein Zimmer: rosefarbener Terracottasteinboden, Wände in Bordeaux, eine Terrassentür führt direkt in den Zypressenhain—daneben ein uralter Sekretär mit Tintenfaß und Briefbeschwerer, in der Mitte des Raums das Himmelbett mit geschnitzten Säulen und einem Baldachin aus Brokat(?). An der anderen Wand steht ein Piano…..ich fühle mich um mindestens ein Jahrhundert zurückversetzt und streiche gedankenverloren über das edle Holz.
In Wirklichkeit bin ich die Geliebte von Napoleons Stallburschen, der gerade seinen Rappen sattelt und im nächsten Moment unter Einsatz seiner Stellung–ha, was sag ich: seines Lebens durch den Zypressenhain zu mir galoppiert, um mich in einer Nacht-und Nebel-Aktion auf sein Pferd zu hieven, aufdaß wir fortan glücklich und frei in den korsischen Wäldern leben, Pilze und Wildschweine erlegen und vögeln, was das Zeug hält.
Vorichtig öffne ich den Deckel des Pianos und–erstarre: BONTEMPI steht da in wenig romantischen Lettern geschrieben, links unten führt ein Kabel zur Steckdose und meinen Stallburschen zurück zu Mistgabel und Pferdeäpfeln.
“FUCK!”
Was besseres fällt mir nicht nicht ein und jetzt, so unsanft in der Realität gelandet, muß ich wohl oder übel daran gehen, meine Situation zu analysieren.
Ich bin in einer Familie gelandet, die Geld wie Heu hat, aber offensichtlich nicht imstande ist, 2 Kinder dermaßen zu erziehen, daß sich nicht jede Nanny entweder in der Themse oder im Wodka ersäufen möchte. Als Draufgabe gibt es ein Mannweib namens Leocadie, bei deren Anblick man den Begriff Mimikry endlich zu verstehen glaubt.
Joana im fernen Graz erhebt ihr Proseccoglas( sie verspeist wohl grad ein delikates Kaviarbrötchen) und lacht sich ins Fäustchen. “Komm nur bald wieder, liebe Rosa-dann kann ich dich gehörig auslachen und dir tagtäglich vor Augen halten, wie unselbständig du bist–du brauchst mich doch! Was willst du denn alleine machen—ICH war es doch, die dir jeden Wunsch von den Augen abgelesen hat, weil du in deiner Verbohrtheit diesen vermaledeiten Keller nicht mehr verlassen hast–ICH war es, die dir Kobe-Rind und Pinacolada brachte, deine Post entgegen nahm und die Blumen goß! Ich war deine Verbindung zur Außenwelt! Ohne mich bist du NICHTS, hörst du: NICHTS!”
Die liebe, gute Joana. Den Wert der Freundschaft erkennt man oft erst, wenn es zu spät ist–ich sehne mich plötzlich nach ihrem Gesicht—wie oft hab ich sie sie vor den Kopf gestossen, sie als Dumpfbacke bezeichnet und ihr doch immer wieder vergeben….
Mein Entschluß ist schnell gefaßt.
Leise schließe ich die Tür–schleiche mich die Treppe hinunter und suche den Ausgang. Diese Haus ist so groß….ein Arkadengang, ja-der kommt mir bekannt vor—niemand ist zu sehen–dort vorne , das muß es sein…..noch 3 Schritte—ein vertrauter Geruch streift plötzlich meine Nase, Kräuter? Zitronen? Erleichterung überkommt mich—niemand hat mich gesehen.
Ich atme tief –stosse die Tür auf und:——
“Oh, hallo–wen haben wir denn da? Oder sind Sie schon hungrig? Das Abendessen gibt es erst in einer Stunde—”
Ein junger Mann steuert auf mich zu, in der Linken hält er einen Bund frischen Spargel, alles an ihm duftet und riecht—er trägt Jeans und eine Kochmütze. Geistesgegenwärtig erkenne ich Pfannen und Casserolen, die von der Decke baumeln, auf einem Holzbrett liegen 4 riesige tote Fische
, am gemauerten Herd blubbert ein Topf mit etwas Grünem–links davon eine Bain-marie…..verführerischer Zwiebel-Speck-Geruch dringt aus dem Backrohr.
“Ich bin Konrad, der Koch”, streckt er mir die Hand hin. Wie reife Maroni glänzen seine Augen.
“Sehr erfreut”, sag ich,” ich bin Vivienne-kann ich mal die Quiche probieren?”