Ich liege satt und zufrieden im Himmelbett-mein neuer Freund Konrad hat mir die Quiche zum probieren gegeben und jeden Gang des in Bälde stattfindenden Abendmahls olfaktorisch und gustastorisch mit mir durchdiskutiert. Meine Geschmacksknospen zehren noch von der exquisitesten Sauce Hollandaise, die jemals auf diesem Erdenrund zubereitet wurde und ich fühle mich wie jene knackig-frische Schwarzwurzel, die, als sie ihren zarten Kopf der zitronengelben Butter-Ei-Komposition näherte, sich aller Wahrscheinlichkeit nach vorkam, als würde sie in ein Meer aus Cirruswolken eintauchen.
Konrad hat zu jeder Kostprobe den dazugehörigen Wein präsentiert; er trägt einen schweren Schlüsselbund am Gürtel, der ihm Tür, Tor und Weinkeller öffnet. Nachdem wir anfangs noch Chablis zu den Austern verkosteten, ging es spätestens beim vierten Gang so richtig ans Eingemachte.
Ein schwerer korsischer Carcajolo noir mußte her, und weil Konrad ziemlich geizig mit den Wildschweinfilets war, spürte ich, wie meinen Körper bald eine altbekannte Leichtigkeit erfasste–die Wahrheit steckte mir unangenehm im Hals und jeder weitere Schluck beförderte sie ein stückweit mehr in Richtung Zunge. Dazu kam, daß ich zu guter Letzt recht zeitverzögert auf “Vivienne” reagierte. Um nicht den Eindruck einer weinseligen Schluckspechtin zu erwecken, mußte ich Konrad die Wahrheit sagen.
Seine Reaktion war ungewöhnlich. Er goß bedächtig unsere Gläser voll, lehnte sich an den Herd und sah mir tief in die Augen: ” Auch ich hüte ein dunkles Geheimnis”, sprach er, ” ich bin der uneheliche Sohn von Leocadie. Niemand hier darf das wissen, denn mein Vater ist ein eigenbrötlerischer Schriftsteller, der von meiner Existenz keine Ahnung hat! Eine Nacht im Paris der späten 70er—-eine Brücke an der Seine……”
Wir sahen uns an wie Verschwörer, erhoben unsere Gläser und prosteten uns zu.
“Du bist nicht allein!” sagte ich.
