Und alles is ganz anders worden

Allerliebste Leserschaft! Wie ihr euch denken könnt, habe ich in den letzten 2 Monaten dermaßen viel erlebt, daß ich kaum Zeit hatte, bei Sinnen zu bleiben, geschweige denn, einen Stift in die Hand zu nehmen, um euch über mein korsisches Abenteuer Bericht zu erstatten. Wie in einem Schnellzug bin ich mir vorgekommen, so sehr überschlugen sich die Ereignisse, trugen mich fort, wirbelten meine Empfindungen durcheinander, spielten ping-pong mit meinen Synapsen etc., etc., etc.

Zusammenfassung: 1. ich bin immer noch auf jener, von Gott an einem besonders guten Tag erschaffenen, Insel.

2. meinen Job als Kindermädchen verlor ich, als ich ihn  gerade mal 8 Stunden inne hatte. Ich geriet  in heftigen Erklärungsnotstand bezüglich meiner pädagogischen Fähigkeiten, als einer der beiden Jungmenschen  sich in einem hysterischen Zustandsbild auf den Boden warf , 20 Minuten lang Rotz und Wasser plärrte , während ich hilfesuchend und völlig entnervt in Konrads Weinkeller Trost und  Erleuchtung suchte.

Der gütige Übeer gesellte sich nicht minder ratlos zu mir und gemeinsam beschlossen wir im Beisein einer sehr teuren Flasche Malvoisie de Corse, zueinander ehrlich zu sein.  Ich erklärte ihm, wie leid mir alles täte und daß ich, sobald ich korsischen Boden betreten hatte, meiner Entscheidungsfähigkeit beraubt worden war. Weil ich es hier so schön fand. Weil ich ihn nicht enttäuschen wollte.  Weil ich dachte, ich könnte meinem Kellerdasein entfliehen.

Ich redete und redete, die Flasche leerte sich und als ich nicht mehr weiter wußte, tat ich mir schon so leid, daß mir die Tränen übert die Wangen kollerten. Was Übeer veranlasste, erneut zum Weinregal zu steuern. Ich merkte schon, daß er ein ziemlich weichherziger Geselle war, deshalb setzte ich noch einen drauf, indem ich laut aufschluchzte: ” Ich wollte niemandem schaden-bitte glauben Sie mir! Ich packe noch heute!” Mit diesen Worten versuchte ich, aufzuspringen, doch Übeer hielt mich am Ärmel fest und sagte: ” Jetzt trinken wir erst mal einen Schluck und dann überlegen wir, was mit Ihnen geschieht. Können Sie denn wenigstens singen?”

Ich verstand nicht gleich, doch nach der zweiten Flasche, als mein Patron bereits glasige Augen bekam, begann er, vor sich hin zu summen, fügte der Melodie nach und nach Worte bei, bis er endlich laut “Aana hot imma des Bummerl” zum Besten gab. Im breitesten Wienerisch, das man sich denken kann, fiel ich ein und so sangen wir in trauter Zweisamkeit Lieder aufs Leichtlebige und Vergängliche.  Ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus und beschloß wieder einmal, den Dingen ihren Lauf zu lassen.

“Vivienne”, sagte er schließlich,” ich bin sehr froh, daß du bei uns bist. Ich werde dich einfach zu Konrad in die Küche stecken. Da kannst du was lernen und für die Kinder finde ich schon eine Lösung! Ist das in Ordnung für dich? Meiner Frau sagen wir , das Ganze war ein Mißverständnis.”

“Einverstanden, Patron!” antwortete ich, leicht beschickert.

“Sehr gut! Nimm dir noch Wein, wenn du möchtest”.  Mit diesen Worten erhob er sich, wankte ein bißchen und ging, immer noch summend, nach oben.

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