Nachdem nun alles wieder in ordentlichen Bahnen verläuft, trinke ich einen letzten Schluck auf Bacchus und gerade, als ich die leeren Flaschen zusammen sammeln will, erscheint Leocadie im Gewölbe. Das Licht, das von oben in den Keller fällt, verwandelt ihre dürre Gestalt in ein überdimensioniertes Schattenbild, in meiner vom Wein beeinträchtigten Wahrnehmung erscheint sie mir wie Medusa, weil sie offensichtlich beim Friseur war und sich eine Dauerwelle hat machen lassen. Ihre Schürze raschelt böse. Ich warte darauf, in Stein zu erstarren und bemühe mich gleichzeitig, auf die folgende verbale Attacke adäquat reagieren zu können.
“Konrad braucht Sie in der Küche.” Ihr Blick wandert über die Weinflaschen, mein erhitztes Gesicht und die leeren Gläser. “Der Patron hat mir gesagt, wir brauchen ein anderes Kindermädchen–so oft habe ich das schon gehört–aber eine Küchenhilfe hatten wir noch nie. “
Sie betrachtet gedankenverloren ihre Hände und sagt bedächtig: ” Wenn Sie Konrad Probleme machen, haben Sie in mir keine Freundin mehr!”
“Sind Sie das denn?” frage ich, weil mir nichts Besseres einfällt.
” Nicht wirklich”, antwortet sie, dreht sich um und verschwindet nach oben. Nachdem ich weiß, was ich nicht wissen darf, sind meine Hände gebunden, aber gern würd ich ihr nachrufen : ” Wie war das denn damals unter der Seine-Brücke, du unantastbares ,perfektes Frauenzimmer? “—-egal, ich beherrsche mich, weil ich mir sicher bin, daß mein Armageddon schon noch kommen wird!
In der Hoffnung, daß heute Abend kein 5gängiges Menü auf dem Programm steht, begebe ich mich in die Küche: Konrad wirbelt bereits routiniert zwischen Backofen, Herdplatte und Shafing-dish hin und her.
“Na endlich. Ich brauch dich dringend: Calamari putzen, das durchsichtige Rückgrat herausnehmen, dann die Trüffeln mit einer Zahnbürste säubern, aber bitte vorsichtig-kurz unter kaltes Wasser halten–die Poularde ausnehmen und den Fasan spicken–Schwarzwurzeln schälen–Eier pochieren–Karottenjulienne und Pommes duchesses zubereiten—Zitronenpesto fürs Steinpilzcarpacchio anrühren-(nimm eine Limette dazu, die macht einen wunderbaren gout!) und dann noch den Baba au Rhum aprikotisieren. Alles klar?”
“Alles roger!”, sag ich, obwohl ich nicht einmal die Hälfte verstanden habe. Leocadies´s freundliche Abmahnung schwebt wie jenes berühmte Damoklesschwert über mir und der Gedanke, den großherzigen Übeer noch einmal zu enttäuschen, behagt mir gar nicht.
“Mensch, Rosa!”, denk ich,”jetzt reiß dich einmal zusammen! Du kannst ja kochen–mach es einfach, wie du es zu Hause auch gemacht hättest!”
Joana´s Gesicht taucht auf, zwischen dampfender Rinderbouillon und Bouillabaisse, zwischen Vinaigrette und Mayonnaise erstehen ihre Gesichtszüge, hämisch grinsend: “Siehst du, Du bist schon wieder gescheitert-komm heim–komm heim… Ich habe Pinacolada und Grammelschmalz….komm heim!”
“Du, Konrad,” sag ich, “gib mir noch ein Achterl, dann mach ich alles, was Du willst!”