Nach einigen Anfangsschwierigkeiten, die mich schon mal wutentbrannt Casserolen, Schöpflöffel und glitschige Fischleiber in die Ecke werfen ließen, bin ich mittlerweile zu Konrad´s rechter Hand aufgestiegen, ohne die er, wie er selber freimütig zugibt, seine Kochmütze an den Nagel hängen könnte. Leider betrachtet er mich nach wie vor als Kollegin, wiewohl ich mir sicher bin, daß auch ihm die unterschwellige Erotik, die sich zwischen uns entwickelt, nicht verborgen bleiben kann.
Wenn ich seine Hände betrachte, die sich zum Beipiel in den Rumpf eines frisch geschlachteten Kapauns bohren, um ihm mit sanfter Gewalt Herzchen, Leber und Darmschlingen zu entfernen, kann ich mich eines leise prickelnden Schauerns nicht erwehren. Konrad kommentiert dabei jeden seiner Arbeitsschritte :
“Den Masthahn, ma chere, gibt es nur zu bestimmten Zeiten. Dieser hier ist ein Chapon de Bresse–sein Fleisch ist besonders mild und weiß, wie du siehst. Mit 12 Wochen wird er kastriert und danach gemästet.
“Mensch, das ist ja Tierquälerei”, entfährt es mir, doch Konrad betrachtet beinah liebevoll den vor ihm liegenden nackten Hühnerkörper, der allzu vorzeitig Federn lassen mußte. “Manchmal werden den Kapaunen auch Bartlappen und der Kamm entfernt, die sind dann umso teurer, –nicht jeder kann das machen; schließlich muß man sich auskennen in der Anatomie…..Ich mag die kleinen Kerle, außerdem krähen sie kaum und wenn, kommt höchstens ein zitterndes Krächzen heraus.”
Er bemerkt meinen ablehnenden Gesichtsausdruck und imitiert einen sterbenden Hahn. Im Radio läuft gerade Edith Piaf–”das paßt ja wie die Faust auf´s Auge”, schnappt er sich ein Messer und zerteilt, laut singend, das bedauernswerte Tier.
“Non, je ne regrette rien….säbelt er die gelbe Haut vom Brustbein, “…tout ca m´est bien egal….” Er zwinkert mir zu, wirft Huhn und Gewürze in eine Casserole, schiebt sie in den Ofen—” j´ai allume le feu…” und wischt sich die Hände an seiner karierten Kochhose ab.
“So, meine Liebe! Jetzt zu uns!”
Mir wird ein bißchen schlecht, weil mir eine Liebeserklärung verfrüht erscheint. Wenn ich ehrlich bin, könnte ich die ganze Zeit in diesem wunderbaren Zustand des Sich-gerade-verliebens verweilen; schlafentraubte Nächte verbringen, weil dies und jenes vorgefallen (ein flüchtiges Berühren der Handgelenke beim Artischocken schälen zum Beispiel), ein heißer zustimmender Blick bei der Betrachtung einer gemeinsam zubereiteten Wildschweinkeule, ein High-five bei Fertigstellung gelungener Salzburger Nockerl, die rechtzeitig, ohne zusammen zu fallen, auf dem Tisch des Patrons landeten oder auch nur ein unisono ausgestossenes ”Merde!”, in einem der wenigen Fälle, in dem durch meine Unachtsamkeit Fischleiber , Schöpflöffel und dergleichen zu Boden fielen.
Jenes wohltuende Kribbeln im Bauch, von dem die Chinesen behaupten, dort sei, 2-fingerbreit unter dem Nabel gemessen, der eigentliche Sitz unserer Gefühle, ein ahnendes Erfassen dessen, was unserem Intellekt verborgen bleibt und doch sämtliche Gesetzmäßigkeiten erlebten Seins in Frage stellt……
“Vivienne? Hallo–? Hörst du mir eigentlich zu? Ich hab dich was gefragt!”
Du, geneigter Leser, wirst dir ohne weiteres vorstellen können, in welchem Dilemma ich mich zu diesem Zeitpunkt befinde: Konrad hat mich zweifelsohne gerade gefragt, ob ich den Rest meines Lebens mit ihm verbringen möchte und ich hab vor lauter Hirngespinsten nicht zugehört!
“Weißt du”, gebe ich vor, alles verstanden zu haben, ” es tut mir leid, aber du darfst nicht vergessen, daß das alles ein bißchen schnell gegangen ist. Ich brauche meine Zeit-bitte versteh das! Eigentlich möchte ich schon, aber…….”
“Da gibt es kein ABER, ” fährt er mich an,” du bist nun mal jetzt Küchenhilfe und da darf man nicht so empfindlich sein. Ein Kapaun wird genauso geschlachtet wie ein Kobe-Rind! Oder hast du gedacht, die werden zu Tode massiert? Stell dich bitte nicht so an—du hast dich ja schließlich zu Hause auch nicht vegetarisch ernährt, oder? Wenn du also in Hinkunft etwas weniger hysterisch sein könntest?”
Ich steh da wie ein begossener Pudel und verfluche meinen Bauchmeridian. Konrad schüttelt aus irgendeinem Grund den Kopf und steuert in Richtung Keller.
. “In 30 Minuten,” ruft er mir von unten herauf zu , “schaltest du den Ofen aus! Schaffst du das?”
Ich merke, daß ich gleich fürchterlich deprimiert sein werde, antworte jedoch tapfer: “Natürlich!” und bin froh, daß Joana mich jetzt nicht sieht!