Bevor ich mich meiner Depression hingebe, schalte ich den Ofen auf “Turbogrill” mit Heißluft, strecke den dritten Finger der rechten Hand Richtung Weinkeller und wünsche dem wenig artgerecht gehaltenen Hahn mit einem tröstlichen: “It´s better to burn out than to fade away!” baldigst ins Nirwana einzugehen.
Ich beschließe, den heutigen Abend völlig nüchtern und bar aller psychischen Stimulantien zu verbringen. Meine Niedergeschlagenheit fühlt sich soweit recht gut an, aus Erfahrung weiß ich, was mir in solchen Situationen am besten tut: das eigene am-Boden-zerstört-sein zu potenzieren, sämtliche unangenehme Erlebnisse der letzten 20 Jahre wieder und wieder Revue passieren zu lassen, an nichts Schönes mehr denken, um zu guter Letzt tränenüberströmt und komplett fertig mit der Welt dem Höhepunkt meiner Leidensfähigkeit zuzusteuern: Manfred-meine erste ewige Liebe!
Mit der Aussicht auf einen gelungenen Abend richte ich mir einen kleinen Vorspeisenteller mit korsischem Lonzo, Oliven und Weißbrot und braue mir eine Kanne Thymiantee-ich schleune mich, da mein kleiner Freund im Ofen schon beginnt, seinen Aggregatzustand zu verändern, was mit erheblicher Geruchsbelästigung einher geht. Bevor Konrad was merkt, verlasse ich die Stätte meiner aktuellen Niederlage und husche geschwind in mein Zimmer.
Ich schließe die Vorhänge, fühle mich plötzlich wie daheim. Frotteepyjama an, Licht aus, 2, 3 Kerzen mit Lavendelduft und ich bin bereit, mich dem schwarzen Loch zu stellen, dessen alles verschlingender Grund mich innerlich beben und vor Vorfreude leise jubilieren läßt. Ungeduldig ersehne ich meinen depressiven Klimax-ich überspringe deshalb Jugend-und Teenagerjahre und beginne sofort mit Manfred:
Als ich in seine WG zog, war er der erste, den ich sah. Er öffnete mir galant die Tür, half mir beim Einräumen meiner wenigen Habseligkeiten und kochte Kaffee. Er hielt mir immer die Tür auf, gab mir immer Feuer, kochte täglich für mich. Ich merkte schnell, daß er gewisse Absichten hatte, gleichwohl, er gefiel mir einfach nicht. Obwohl er gut aussah und ausgezeichnete Manieren besaß, dachte ich nie weiter als an die nächste Mahlzeit. Geflissentlich übersah ich seine tiefen Blicke, schlug Einladungen in die angesagteste Pizzeria der Stadt aus, kurz: Er war mir egal!
Bis zu jenem Abend, als ich leicht beschickert von einer Sponsionsfeier nach Hause kam.
Manfred, der nie Alkohol trank, empfing mich an der Tür, weil ich meinen Schlüssel vergessen hatte.
“Deine Wimperntusche ist ganz verwischt!”, sagte er: “Darf ich?” Er spuckte auf seinen Daumen und rieb mir damit übers Auge, was zwar ein bißchen wehtat, aber er bemühte sich offensichtlich, zärtlich zu sein.
Da ich mit 20 noch Jungfrau war und der Wein der letzten 3 Stunden in mir wütete, nahm ich beherzt seine Hand, dachte mir: “Einmal muß es ja sein” und die Dinge nahmen ihren Lauf. In den folgenden 5 Wochen liebten wir uns morgens, abends, nachts–und je öfter er mich berührte, umso mehr verfiel ich ihm. Seine Art, mich anzusehen, katapultierte mich in schwindelerregende Höhen, er roch nach Zedernholz und Leder, sein Haar schimmerte sogar unter der kalten Neonlampe des Vorraums wie Honig- seine Bewegungen glichen denen afrikanischer Raubkatzen.
Er war Tischler und sein Hobby war die Intarsienschnitzerei. Als er mich nach einer besonders schönen Nacht darum bat, ein Abbild meines Gesichts in seinen Schreibtisch einlegen zu dürfen, wähnte ich mich das glücklichstes Mädchen der Welt.
Eine Woche später war mein Geburtstag. Schon 2 Tage vorher hatte ich eine Schachtel mit dem Aufdruck eines stadtbekannten Juweliers am Küchentisch liegen sehen, meine Fantasie begann, verrückt zu spielen: “Was, bitte, wenn nicht Ringe….”, dachte ich, —am Morgen des 17. gab er mir einen dicken Kuß: ” Ich hoffe, ich hab das Richtige ausgesucht!”, -mein unerfahrenes Herz stolperte über sich selber, als ich mit nervösen Fingern das Geschenkpapier entfernte, es vollführte einen Luftsprung, als ich die Juwelierschachtel öffnete, es blieb stehen, als ich ein HEIDELBEER-FRU-FRU aus dem Karton nahm. Die folgenden Minuten muß ich eins zu eins wiedergeben:
Ich: “Oh!”
Manfred:” Paßts?”
Ich:” Ja, schon…”
Manfred: ” Ich hab gedacht, Heidelbeer is deine Lieblingssorte.”
Ich:” Ja, schon…”
Manfred, grinsend: “Paßt! Wie wärs mit Geburtstagssex?”
Der langen Rede kurzer Sinn: Manfred hat mich nicht geheiratet, sondern 2 Wochen später mit seiner Schilehrerin in UNSEREM Bett Abwärtsschwünge geübt- ich bin bald darauf aus der WG ausgezogen. Lange noch hab ich seinem honigfarbenem Haar nachgeweint, ging an jeder Ampel, an der er mich küßte, gedankenverloren über die Straße und wartete darauf, von unachtsamen Autofahrern niedergemetzelt und auf diese Weise von meinem Leiden erlöst zu werden.
Wenn ich in trauter Runde mit meinen Freundinnen beim Kartenspiel saß und “unser Lied” -Romeo and Juliet- im Radio hörte, warf ich verzweifelt die Karten an die Wand, schluchzte: ”ich will nach Hause” und wünschte mir nichts so sehr, als EINMAL noch den Duft des Holzleims wahrzunehmen, der ihn stets umgab.
Cut:
Jetzt sollte ich eigentlich soweit sein, aber irgendwie will sich das Gefühl der vollendeten Verzweiflung nicht so recht einstellen. Die Geschichte mit Manfred hat bis jetzt immer funktioniert–ich mein, bevor Konrad da war. Ich nehm noch einen Schluck Thymiantee und denk mir:

ANDREA sagte,
Oktober 4, 2011 um 6:45 pm
es heißt “wähnte mich DAS glücklichste mädchen”. ansonsten hervorragend gelungen, vor allem die schilderung manfreds. mei, und die anspielung auf nirvana! load up on guns!
ANDREA sagte,
Oktober 4, 2011 um 6:47 pm
aja, und ich komm irgendwie net auf die älteren beiträge. muttu verlinken.
bibistift sagte,
Oktober 4, 2011 um 7:05 pm
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