Cats

Irgendwie bin ich jetzt doch deprimiert: Ich, knapp über 40, sitze nachts mit einer Kanne Thymiantee einsam in meinem Himmelbett und trage einen 6jährigen Flanellpyjama, der an Knien und Ellbogen ausgebeult ist. Wahrlich ein erhebender Anblick!

Durchs offene Fenster weht frische Herbstluft ins Zimmer, ich hör das Meer unten in der Bucht rauschen, ab und zu fällt ein Pinienzapfen mit einem lauten KLACK auf den steinigen Terrassenboden. Es riecht noch immer anders als zu Hause. Im Zimmer ist es so still, daß ich mir einbilde,  das Flügelschwingen der Käuzchen wahrzunehmen, die sich um diese Stunde im Park einfinden.

Ich bin überhaupt nicht müde, obwohl bald Mitternacht ist. Weil mein Inseldasein bis jetzt so wenig befriedigend verlief, werde ich auf einmal von fürchterlichem Heimweh gepackt. Außerdem knurrt mein Magen.

Kurzerhand leere ich den Tee ins Bidet, schleiche auf den Gang und lausche: Alles ruhig!

In der Küche brennt kein Licht; ich taste mich zum Kühlschrank, schnapp mir das nächstbeste Käsestück und erinnere mich daran, daß Übeer einmal erwähnte, einige Flaschen steirischen Muskat-Sylvaners geschenkt bekommen zu haben. Ich steige die Kellertreppe hinunter und öffne die schwere Eichentür zum Gewölbe —-meine Hand bleibt in der Luft hängen-ein lauter Schrei (meiner!): Vor mir steht eine überlebensgrosse Katze, oder zumindest etwas, das genauso aussieht.

Nicht viel grösser als ich steht sie auf den Hinterbeinen, mein Blick erfaßt wie in Trance eine graue Pelzjacke, Handschuhe mit Krallen, das Gesicht mit den abstehenden Schnurrbarthaaren ist weiß, spitze Ohren am Kopf –weiter unten geht ein buschiger Schweif weg, schlängelt sich zwischen pelzig behaarte Beine–ich glaub, ich schrei noch immer, vor allem, weil das Ungetüm einen Cognacschwenker in der Hand hält!

“Vivienne, bitte! Psst-sei ruhig!”, unverkennbar Übeer´s Stimme. “Ich bins ;  beruhige dich doch!” Er nimmt mich an der Hand und zieht mich weiter hinein zwischen 2 grosse Weinfässer. Dort, im Schein einer Petroleumlampe sitzen am Verkostungstisch 3  Gestalten im Katzenkostüm, die mich nicht minder perplex anstarren. Unzählige Bücher und Zettel liegen herum, halbvolle Gläser, verschütteter Wein am Boden–im Hintergrund ein CD-player. Ich atme tief durch und Übeer runzelt sorgenvoll die Stirn.

“Ach”, seufzt er, “wie soll ich dir das nur erklären? Also gut, nachdem du schon da bist: Du weißt ja, daß ich mich sehr für Literatur interessiere. Meine Freunde hier”, er macht eine ausladende Handbewegung, “sind gekommen, um mit mir den Besten der Besten zu küren. Sowas braucht natürlich Zeit. Wir alle hier lieben die Kunst des Schreibens, nichtsdestotrotz verbeugen wir uns auch vor anderen schönen Künsten, der Musik zum Beispiel. Meine Frau, die du ja leider noch nicht kennen gelernt hast, hält von alledem gar nichts. Sie weiß nicht, wie gerne ich singe, wie sehr ich dem Musical zugetan bin. Als Geschäftsmann muß ich immer mit Zahlen jonglieren, berechnend und nüchtern sein….meine wahre Leidenschaft ist ihr verborgen. Kurz und gut, Vivienne: Alljährlich, wenn wir uns treffen, schlüpfen wir in diese Kostüme und spielen CATS.”

Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, bis eine der Katzen aufsteht, mir ihre Pfote reicht und sich vorstellt:” Guten Abend, ich bin Mungojerry–ich meine, Peter Hold-Lektor.”  Er grinst verlegen, reicht mir ein Glas Wein, und meint zu den anderen: ” Ich denke, wir haben hier eine ganz reizende Mitwisserin bekommen….Dort am Ende des Tisches, das ist Rumpleteazer, zumindest heut Abend. Im wirklichen Leben schlägt er sich mit Möchtegern-Schriftstellern herum, verdient seine Brötchen mit Journalismus und ist im übrigen ein äußerst umgänglicher Zeitgenosse.” Rumpleteazer deutet eine Verbeugung an und gibt mir die Hand.

“Setzen Sie sich doch zu uns,” schnurrt er, ich schau zu Übeer, der mir aufmunternd zunickt, als sich plötzlich die 4. Katze, die bis jetzt nicht einmal mit dem Ohr gezuckt hat, erhebt und, leicht schwankend, auf mich zukommt. Sie ist optisch die beeindruckendste.

Eine schwarzglänzende Mähne mit goldenen Fäden, dunkel geschminkte Augen (mit Lidstrich!), ein enganliegender Catsuit (sic!), darüber eine Federboa, Nietengürtel und Schlangenlederstiefel mit Sporen!

“Sieht nicht gerade nach einer typischen Katze aus”, sag ich, jetzt schon mutiger.

“Sie haben CATS nie gesehen, stimmts?” fährt er mir über den Mund. “Was glauben Sie denn, hier einfach so herein zu schneien? Wenn Sie nicht mitreden können, gehen Sie wieder auf Ihr Mädchenzimmer und lassen Sie uns in Ruhe arbeiten!”

Ich bemerke sehr wohl den leise mitschwingenden heimatlichen Dialekt, Übeer verteidigt mich:  ”Vivienne ist eine kluge und tüchtige Frau. Unser Geheimnis ist bei ihr gut aufgehoben, nicht wahr, ma chere?”

Quid pro quo, kommt mir in den Sinn-immerhin hab ich meinem toleranten Boss  einiges zu verdanken.

“Keine Sorge-ich schweige wie ein Grab. Abgesehen davon: Sie sind doch dieser Frauenheld, dem keine widerstehen kann!” Der unwirsche Kater lächelt jetzt und zwirbelt  an seinem Schnurrbart herum.

“Auf der Bühne, meine ich. Rum-Tum-Tugger, die Rock´n Roll-Katze.” Ich bin inzwischen ziemlich  aufgedreht und beginne zu singen: “Rum-Tum-Tugger ist ein schwieriges Tier…”

Er schaut ein bißchen verblüfft, wahrscheinlich hat er mir nichts dergleichen zugetraut. Seine Arroganz stachelt mich weiter an und ich sag: “Paßt eh gut zu Ihnen, diese egozentrische Figur…” Sein Gesicht wird wieder gleichgültig, er schenkt sich  Wein nach: “

“Wenn Sie glauben? Ich kann mir zwar nicht vorstellen, daß Sie den Sinn der Geschichte erfaßt haben, aber egal: -Übeer–hast du noch von dem vorzüglichen Roten?” Und, zu mir gewandt: ” Bitte, halten Sie sich im Hintergrund–wir haben zu arbeiten!”

Mittlerweile sind  alle, bis auf Rum-Tum-Tugger, ausnehmend guter Laune. Über den eigentlichen Zweck der Zusammenkunft redet keiner mehr: “Vivienne, du bist voll integriert”, stellt Übeer überschwänglich fest und endlich ist er in der Stimmung, den CD-Player anzuwerfen.

Wir rauchen und trinken soviel, daß mein Heimweh bald im Muskat-Sylvaner untergeht. Nur einmal, als wir MEMORIES anstimmen,  verspüre ich einen Anflug von Katzenjammer….

Eine Stunde später erklären mich die 3 Kater zu ihrer Grizabella, wir nehmen uns an Händen und Pfoten und tanzen Slalom zwischen den Fässern. Übeer stellt fest, daß er sich schon lange nicht mehr so unbeschwert fühlte- Mungojerry und Rumpleteazer ermutigen mich, ein KORSIKA-Tagebuch zu verfassen und ich bringe den Dreien steirischen Volkstanz bei.

Nur Rum-Tum-Tugger wird seiner Rolle nicht gerecht: Er ist eingeschlafen.

1 Kommentar

  1. ANDREA sagte,

    Oktober 12, 2011 um 2:50 pm

    aber grizabella ist ja uralt!! sonst sehr hübsch. ich kenn mich aus :)


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.