Die liebe N. hat sich seit unserem letzten dramatischen Aufeinandertreffen in ihrem Häuschen verschanzt und tut, als würde sie mich nicht mehr kennen. Nicht einmal meine verlockenden Rufe vor ihrer Haustür (“N.-komm endlich raus, du nachtragende Funzen!”) konnten sie dazu bewegen, ihre starre Haltung mir gegenüber aufzugeben. So beschloß ich heute Morgen, mit einem Tellerchen Prosciutto und selbst gebackenem Baguette meinen Canossagang anzutreten. Wie ich erwartet hatte, stellte sie sich taub–ich hinterließ also meine Morgengabe am Fensterbrett und schob ein Brieflein unter ihrer Tür durch, in dem geschrieben stand:
“Meine liebe N., weil ich mich nicht schminken möchte, habe ich unsere Freundschaft, die mir mehr als alles andere in dieser Straße bedeutet, aufs Spiel gesetzt. Bitte sei wieder gut–ich werd mich auch nie mehr so dämlich anstellen, versprochen! Nimm als Zeichen meiner Zuneigung diesen Schinken und denk an mich, wenn du das Brot brichst. Immer-Deine Rosamunde”
Ich hatte kaum meinen Vorgarten erreicht, als folgendes passierte: eine Tür fiel ins Schloß, jemand hastete mir hinterher und schon hatte ich 2 Arme um den Hals. Die liebe N. drückte mir fast die Schlagader ab, so sehr freute sie sich über meine Botschaft; mehr noch darüber, daß ich zu ihr gekrochen kam–ich bemerkte wohl das leise Funkeln in ihren Augen, in denen ich las: Ha! Du kannst ja doch nicht ohne mich!
Nichtsdestotrotz spürte ich ehrliche Freude in mir–die N. und ich-wir gehörten einfach zusammen- Rührung stieg in mir auf und ohne zu realisieren, was ich tat, sprach ich die folgenschweren Worte: ” Ich bin sooo froh, daß du wieder mit mir redest!-Ich hab was gut zu machen bei dir und deswegen möchte ich, daß wir den heutigen Tag gemeinsam verbringen.” Insgeheim rechnete ich damit, daß sie mir einen Ausflug ins Grüne oder ein nettes Abendessen im einzigen 2Hauben-Lokal unseres Ortes vorschlagen würde. Von mir aus hätte ich auch den ganzen Tag damit zugebracht, mit ihr Urlaubsfotos anzusehen oder stundenlang Age of Empires zu spielen.
Sie jedoch sagte: “Fein-dann gehen wir ins Fitneßstudio.”
Nicht mehr und nicht weniger. Verehrte Leser, in euren Gesichtern sehe ich Bestürzung, und, was mir gar nicht gefällt, bei einigen sogar ein wenig Schadenfreude! Ich muß gestehen, daß es mir recht geschieht und werde euch deswegen nicht gram sein–lest nur weiter und erfährt, wie dieser schwarze Tag sein Ende fand!
Nirgendwo in meinem Kleiderschrank befanden sich Textilien, die ich zu diesem Zweck gebrauchen konnte–”gut, daß wir die gleiche Größe haben, ich freu mich schon”, bemerkte die N. und ich zauberte schnell ein gequältes Lächeln auf mein Gesicht. Diesmal würde ich sie nicht enttäuschen–ich schwörte,, meinen Egoismus zu unterdrücken und wer weiß: vielleicht fand ich ja auch Gefallen daran, meinen Körper wieder einmal zu spüren.
Eine halbe Stunde später bin ich im Fitneßstudio: Obwohl erst knapp über 40, fühle ich mich in Anbetracht all der gemeißelten Muskelpartien wie eine Greisin, die sich verlaufen hat und nicht mehr ins Altersheim zurück findet. Frauen und Männer, die verbissen an hochmodernen Geräten trainieren, umgeben mich, alle sind sehr schlank, viele blond, niemand lächelt. Die Frauen sind geschminkt(!) -die Männer haben enge Hosen an und Ruderleibchen, sodaß man Bizeps, Trizeps und Sixpack auch ja nicht übersieht, ein schmächtiger Herr mit Trichterbrust scheint noch am Anfang zu stehen–er müht sich redlich ab, von den Gewichten nicht erschlagen zu werden und ein buntes Plakat an der Wand zeigt 2 weibliche Wesen in Pose und Bikini, darüber der Spruch: “Mein Mann liebt jeden Muskel an mir!”
“Ich weiß nicht…”, fange ich an,-die N. schneidet mir mit einer Handbewegung das Wort ab und zischt:” Da kommt er schon!” ER ist ein 1,90Hüne und alle 650 Muskeln seines Körpers sind eingeölt und extrem entwickelt. ” Grüß dich, N. Wen hast du uns denn da mitgebracht?”, sagt er, macht Bussi-Bussi mit ihr und läßt dann langsam seine Blicke über meinen Körper gleiten. “Ui-das wird aber dauern, Sie haben wohl schon lange nix mehr gemacht, stimmt´s?” Ich will ihn grad fragen, weshalb er die Gesichtsmuskeln, die man zum Lächeln braucht, so schmählich vernachlässigt hat, da nimmt er mich schon an der Hand und führt mich zu einem Expander. Kenn ich zufällig aus Actionfilmen–Herr Schwarzenegger möchte, daß ich zuerst meine Brustmuskulatur aufbaue. “Für Damen extrem wichtig”, meint er,” den Bauch mach ma dann in den nächsten Wochen. Sie wissen, wie´s geht, oder?” Schon ist er dahin–die N. im Schlepptau, die auf einmal rosige Wangen hat und feuchte Lippen. “Wenns weh tut, sofort aufhören”, ruft er mir noch über die Schulter zu.
Schon jetzt kann ich das Wort “extrem” nicht mehr hören, setz mich aber brav aufs Gerät und fange an, meinen Körper zu martern.
Ich muß nach 10x stemmen die Gewichte raufschrauben und eigentlich gehts mir ganz gut bis 40 kg. Tja, denk ich stolz, eine Weinbauerstochter kann so leicht niemand unterkriegen. Ich riskiere einen Blick auf meine ca. 50jährige Mitstemmerin, die sich gerade frohen Mutes mit 100kg beschäftigt, nebenbei mittels Freisprechanlage telefoniert und nicht schwitzt. Ich weiß nicht, warum, doch plötzlich packt mich ein unerklärlicher Ehrgeiz.
Ich beschließe, 30kg zu überspringen und stelle mein Gerät auf 70 ein. Meine Oberarme stellen sich erst folgsam dieser Herausforderung, doch mit jedem Zug, so scheint mir, breche ich nach und nach sämtliche Wirbel meines Rückgrats, egal-meinKopf ist hochrot, etwas in mir zerplatzt in leuchtende Splitter– ich atme lauter, jetzt zerspringt mein Schultergürtel, ich beginne zu stöhnen, heiß steigt es in mir auf–du schaffst es, Rosa-du schaffst es!–dann erfaßt eine Blutwelle mein Gesicht,- einmal noch!–rote Sterne tanzen vor meinen Augen, jemand schreit…
“Oh Gott-Rosamunde! Was is mit dir??” Ein kalter Waschlappen liegt auf meiner Stirn, jemand hält eine Wasserflasche an meinen Mund, alles ist dunkel. “So mach doch die Augen auf…ROSA!” Endlich finde ich zu mir–die liebe N. beugt sich besorgt über mich, daneben Hr. Schwarzenegger, er schaut ziemlich dämlich drein.
Ich weiß genau, was geschehen ist—aber: N. muß eine Lektion erteilt werden! So stelle ich mich ahnungslos, mit verschleiertem Blick setze ich mich auf, greife haltsuchend nach der N. Hand und stammle: “Was is denn passiert?”
Jetzt reden alle beide auf mich ein: daß ich wie wild trainiert habe, mich dabei völlig überschätzte, mein Stöhnen immer lauter wurde und ich letzten Endes mit einem finalen Aufbäumen in mich zusammen sackte.
Ich setz noch einen drauf, indem ich mich verwirrt umsehe, so, als wüßte ich gar nicht, wo ich mich befinde, nach mehr Wasser verlange und mich dann, auf N.´s Arm gestützt, schwerfällig erhebe. “Ich will nach Hause”, flüstere ich, “gehen wir, bitte?”
“Ja, sicher”, die N. muß mich halten, “es tut mir so leid, Rosamunde! Nie wieder werd ich dir das antun!”
“Is schon gut, N. Aah, mein Kopf!” Ganz blass ist meine gute Gefährtin, als sie mir ins Auto hilft, schweigend fahren wir durch die Stadt.
“Du”, sagt sie, “ich lad dich zum Essen ein, als Wiedergutmachung–was hältst du davon?”
“Vielleicht morgen, N. Weißt, heut möcht ich nur noch ins Bett. Ich muß das erst einmal verdauen!”
Vor lauter schlechtem Gewissen hört die N. auf, zu sprechen, immer kleiner wird sie auf ihrem Fahrersitz und beinah tut sie mir leid. Aber Strafe muß sein!
Sie bringt mich in meinen Keller, bereitet mir eine Tasse Wohlfühltee und verabschiedet sich ganz geknickt.”Morgen gehts mir sicher besser–is ja nicht deine Schuld, daß ich so untrainiert bin. Geh jetzt–mach dir keine Sorgen!”
Sie schleicht davon wie ein geprügelter Hund. Ich schau ihr nach, wie sie meinen Vorgarten durchschreitet und als sie die Haustür hinter sich ins Schloß fallen läßt, schließe ich meine Vorhänge und mixe mir einen Protein-shake. Eine rauch ich noch–dann gehe ich ins Nebenzimmer, in dem TOTAL-GYM auf mich wartet. So aufgewärmt war ich schon lange nicht mehr.
