Küchengeheimnis

Eine Stunde später:

Ich liege satt und zufrieden im Himmelbett-mein neuer Freund Konrad hat mir die Quiche zum probieren gegeben und  jeden Gang des in Bälde stattfindenden Abendmahls  olfaktorisch und gustastorisch mit mir durchdiskutiert. Meine Geschmacksknospen zehren noch von der exquisitesten Sauce Hollandaise, die jemals auf diesem Erdenrund  zubereitet wurde und ich fühle mich wie jene knackig-frische Schwarzwurzel, die, als sie ihren zarten Kopf der zitronengelben Butter-Ei-Komposition näherte, sich aller Wahrscheinlichkeit nach vorkam, als würde sie in ein Meer aus Cirruswolken eintauchen.

Konrad hat zu jeder Kostprobe den dazugehörigen Wein präsentiert; er trägt einen schweren Schlüsselbund am Gürtel, der ihm Tür, Tor und Weinkeller öffnet. Nachdem wir anfangs noch Chablis zu den Austern verkosteten, ging es spätestens beim vierten Gang so richtig ans Eingemachte. Ein schwerer korsischer Carcajolo noir mußte her, und weil Konrad ziemlich geizig mit den Wildschweinfilets war, spürte ich, wie meinen Körper bald eine altbekannte Leichtigkeit erfasste–die Wahrheit steckte mir unangenehm im Hals und jeder weitere Schluck beförderte sie ein stückweit mehr in Richtung Zunge. Dazu kam, daß ich zu guter Letzt recht zeitverzögert auf “Vivienne” reagierte. Um nicht den Eindruck einer weinseligen Schluckspechtin zu erwecken, mußte ich Konrad die Wahrheit sagen.

Seine Reaktion war ungewöhnlich. Er goß bedächtig unsere Gläser voll, lehnte sich an den Herd und sah mir tief in die Augen: ” Auch ich hüte ein dunkles Geheimnis”, sprach er, ”  ich bin der uneheliche Sohn von Leocadie. Niemand hier darf das wissen, denn mein Vater ist ein eigenbrötlerischer Schriftsteller, der von meiner Existenz keine Ahnung hat! Eine Nacht im Paris der späten 70er—-eine Brücke an der Seine……”

Wir sahen uns an wie Verschwörer, erhoben unsere Gläser und prosteten uns  zu.

“Du bist nicht allein!” sagte ich.

Napoleons Stallbursche spielt Keyboard

Die Frau mit der weißen Schürze bringt mich in mein Zimmer. Sie ist sehr groß-ihre fast hagere, knochige Gestalt bewegt sich ungelenk und wenig damenhaft. Bei jedem Schritt raschelt ihr gestärktes Kleid, als wehe ein Tramontana durch sie hindurch und im übrigen hat sie noch kein Wort an mich gerichtet. Ich versuche in ihrer Mimik zu lesen und erkenne meinen Zusammenbruch auf  Stufe 123 auf der nach oben offenen Unbeliebheitsskala.

Überhaupt- dieses Gesicht: Augen wie Säbelstiche, darüber buschige Brauen, die eines Yeti(so man ihn gesehen hat) gerecht werden, die Nase (oh Klischee!) ein Höcker und darunter der wenig gelungene Versuch, sich eines schwarz sprießenden Damenbärtchens zu entledigen. Was überhaupt nicht dazu paßt, ist ihr breiter Mund und das anschließende , fliehende Kinn…man hat den Eindruck, als würde noch irgendwas fehlen–das Gesicht hört einfach auf!

Ich überleg mir gerade, ob sie französisch spricht, als sie mit einem Ruck stehen bleibt und sagt: ” Ich heiße Leocadie und organisiere das Haus. Diese Tür ist ihr Zimmer und brauchen sie etwas, müssen sie warten, wenn ich habe die Zeit. Sprechen sie deutsch bitte. Der Patron will das. Auf Wiedersehen.”

Sie raschelt noch einmal und verschwindet im Korridor.

Mein Zimmer: rosefarbener Terracottasteinboden, Wände in Bordeaux, eine Terrassentür führt direkt in den Zypressenhain—daneben ein uralter Sekretär mit Tintenfaß und Briefbeschwerer, in der Mitte des Raums das Himmelbett mit geschnitzten Säulen und einem Baldachin aus Brokat(?).  An der anderen Wand steht ein Piano…..ich fühle mich um mindestens ein Jahrhundert zurückversetzt und streiche gedankenverloren über das edle Holz.

In Wirklichkeit bin ich die Geliebte von Napoleons Stallburschen, der gerade seinen Rappen sattelt und im nächsten Moment unter Einsatz seiner Stellung–ha, was sag ich: seines Lebens durch den Zypressenhain zu mir galoppiert, um mich in einer Nacht-und Nebel-Aktion auf sein Pferd zu hieven, aufdaß wir fortan glücklich und frei in den korsischen Wäldern leben, Pilze und Wildschweine erlegen und vögeln, was das Zeug hält.

Vorichtig öffne ich den Deckel des Pianos und–erstarre: BONTEMPI steht da in wenig romantischen Lettern geschrieben, links unten führt ein Kabel zur Steckdose und meinen Stallburschen zurück zu Mistgabel und Pferdeäpfeln.

“FUCK!”

Was besseres fällt mir nicht nicht ein und jetzt, so unsanft in der Realität gelandet, muß ich wohl oder übel  daran gehen, meine Situation zu analysieren.

Ich bin in einer Familie gelandet, die  Geld wie Heu hat, aber offensichtlich nicht imstande ist, 2 Kinder dermaßen zu erziehen, daß sich nicht jede Nanny entweder in der Themse oder  im Wodka ersäufen möchte. Als Draufgabe gibt es ein Mannweib namens Leocadie, bei deren Anblick man den Begriff Mimikry endlich zu verstehen glaubt.

Joana im fernen Graz erhebt ihr Proseccoglas( sie verspeist wohl grad ein delikates Kaviarbrötchen) und lacht sich ins Fäustchen. “Komm nur bald wieder, liebe Rosa-dann kann ich dich gehörig auslachen und dir tagtäglich vor Augen halten, wie unselbständig du bist–du brauchst mich doch! Was willst du denn alleine machen—ICH war es doch, die dir jeden Wunsch von den Augen abgelesen hat, weil du in deiner Verbohrtheit diesen vermaledeiten Keller nicht mehr verlassen hast–ICH war es, die dir Kobe-Rind und Pinacolada brachte, deine Post entgegen nahm und die Blumen goß! Ich  war deine Verbindung zur Außenwelt! Ohne mich bist du NICHTS, hörst du: NICHTS!”

Die liebe, gute Joana. Den Wert der Freundschaft erkennt man oft erst, wenn es zu spät ist–ich sehne mich plötzlich nach ihrem Gesicht—wie oft hab ich sie sie vor den Kopf gestossen, sie als Dumpfbacke bezeichnet und ihr doch immer wieder vergeben….

Mein Entschluß ist schnell gefaßt.

Leise schließe ich die Tür–schleiche mich die Treppe hinunter und suche den Ausgang. Diese Haus ist so groß….ein Arkadengang, ja-der kommt mir bekannt vor—niemand ist zu sehen–dort vorne , das muß es sein…..noch 3 Schritte—ein vertrauter Geruch streift plötzlich meine Nase, Kräuter? Zitronen? Erleichterung überkommt mich—niemand hat mich gesehen.

Ich atme tief –stosse die Tür auf und:——

“Oh, hallo–wen haben wir denn da? Oder sind Sie schon hungrig? Das Abendessen gibt es erst in einer Stunde—”

Ein junger Mann steuert auf mich zu, in der Linken hält er einen Bund frischen Spargel, alles an ihm duftet und riecht—er trägt Jeans und eine Kochmütze. Geistesgegenwärtig erkenne ich Pfannen und Casserolen, die von der Decke baumeln, auf einem Holzbrett liegen 4 riesige tote Fische, am gemauerten Herd blubbert ein Topf mit etwas Grünem–links davon eine Bain-marie…..verführerischer Zwiebel-Speck-Geruch dringt aus dem Backrohr.

“Ich bin Konrad, der Koch”, streckt er mir die Hand hin. Wie reife Maroni glänzen seine Augen.

“Sehr erfreut”, sag ich,” ich bin Vivienne-kann ich mal die Quiche probieren?”

Zitronen blühen keine mehr.

Nach 2 Stunden Flugzeit erreiche ich die Insel-als ich aussteige und mir die blütenduftschwangere Luft der korsischen Macchia um die Nase weht, fühle ich mich wie Christof Columbus (vermutlich). Aller Ballast fällt von mir ab, der miefige Keller ist längst vergessen und obwohl ich keine Ahnung habe, wie dieses Abenteuer weiter gehen wird, schreite ich mutigen Schrittes durch die Abfertigungshalle, beflügelt von der eigenen Courage und zwei Gläsern Champagner, die mir von einer französischen Stewardess kredenzt wurden.

Es wimmelt von Menschen, die  wegfliegen oder ankommen, warten oder erwartet werden. Ich will gerade auf den Info-Schalter zusteuern, als plötzlich ein kleiner schwarzhaariger Mann mittleren Alters vor mir steht. Den rechten Arm trägt er in einer Schlinge, die dazugehörige Hand ruht auf einem ansehnlichen Bäuchlein, mit der gesunden fuchtelt er vor meinem erschrockenen Gesicht herum—”Madame, oh mon dieu!  Endlich habe ich Sie gefunden!”

Du, geneigter Leser, wirst dir nur annähernd vorstellen können, welche Empfindungen mich in diesem Moment durchdrungen, wohl aber und dessen bin ich mir sicher, wirst du ungläubig die Hände über dem Kopf zusammen schlagen und dir mit den Worten: “Das darf doch wohl nicht wahr sein! Da fährt sie um die halbe Welt, nur um von einem schmerbauchigen Korsen…” einen Cognac hinter die Binde kippen.

Gemach! Gemach!

Der kleine Korse nestelt in einer Tasche  herum und hält mir einen Brief unter die Nase, der augenscheinlich von einer Österreicherin stammt (ich erkenne den Uhrturm auf der Marke)- ich lese: ” Sehr geehrter Monsieur !Ankomme Freitag, den 16.4. um 11 Uhr 20. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit und warte beim Info-Stand. Herzlichst, Vivienne”

Ich seh mich um, der Info-Stand ist leer. Nur ich steh dort und der komische kleine Mensch, der jetzt langsam ungeduldig wird. “Vite, Madame-der Chef wartet nicht gern!”

Bahnbrechende Entscheidungen muß man aus dem Bauch heraus treffen und genau das tu ich. Nachdem ich nichts zu verlieren habe, sage ich also mit meinem zuckersüssesten Lächeln: ” Bonjur, ich bin Vivienne und freue mich, Sie kennen zu lernen. Von mir aus können wir fahren:”

“Ich bin Jaques und dort drüben parkt unser Cabriolet. En voiture”, mit diesen Worten schiebt er mich zum Ausgang. Vor der Tür steht ein weisser Mercedes ohne Dach, ich will mich gleich auf den roten Ledersitz des Beifahrers schwingen, als Jaques mich mit einem strafenden Blick zurecht weist: “Bei mir sitzt niemand vorne! Stellen Sie sich vor, wir haben einen Unfall…”  Ja und, will ich den Gedanken weiter spinnen, glaubt der denn wirklich, daß auf dem Rücksitz noch niemand zerquetscht wurde? Wohlweislich halt ich aber meine Klappe, und harre gottergeben der Dinge, die da kommen.

Die Reise führt uns eine halbe Stunde durchs Hinterland, knorrige Olivenbäume säumen die Straße, hin und wieder seh ich das schimmernde Blau des Meeres durchblitzen, und jetzt endlich hab ich Zeit, die sich überschlagenden Ereignisse Revue passieren zu lassen.  Auf jeden Fall werde ich, bzw. diese Vivienne erwartet, die offensichtlich ein Angestelltenverhältnis im Auge hat.

Meine Phantasie geht mit mir durch und ich seh mich als geschätzte Gesellschafterin einer äußerst liebenswerten Schwiegermutter mit französischen Wurzeln, der ich am Nachmittag Tee bereite und in der geräumigen, ebenholzgetäfelten Bibliothek vorlese, während mir zur Dämmerstunde hin die prachtvolle Stute des Hausherrn zur Verfügung steht, um meine Reitkenntnisse zu vervollkommnen—vielleicht auch hat der ominöse Patron eine österreichische Köchin gesucht, die seine Familie mit Knödln, Topfenstrudel und gefüllter Kalbsbrust bei Laune hält… Ob ich wohl noch bei Trost bin, fragst du dich, dir mit zitternder Hand den 3. Cognac einschenkend–und ich höre die liebe Joana, die mir mit kalkweißem Gesicht aus der Ferne zuruft: “Halt ein!-noch ist es nicht zu spät. Spring aus dem Wagen, mach den Rücken krumm und laß dich abrollen. Rosamunde, komm zurück, BITTE–Rosamunde….!!!”

“Hallo-Vivienne!  Madame–träumen Sie? Wir sind da!”

Ich laß Joana unerhört weiter rufen, öffne die Augen und bin erst mal nur perplex. Wir befinden uns in einem gepflasterten Hof vor einer dieser typisch mediterranen Villen mit cremefarbenem Anstrich und rotem Schindeldach. Ringsherum Zitronenbäume mit fetten Früchten, darunter Blumenteppiche, gewoben aus blauen Sternen und Lavendel, es duftet nach allen möglichen Kräutern–ich muß mir eine anrauchen.

Aus den Augenwinkeln seh ich einen Menschen mit Anzug und Krawatte auf mich zukommen, er durchschreitet den schmiedeeisernen Torbogen, der umrankt ist von Weinblättern, mein Kopf spielt rasch noch Fluchtszenarien durch, aber: zu spät!

“Vivienne-(er breitet seine Arme aus)-wie ich mich freue, daß Sie da sind. Ich bin Hubert” ( er sagt Übeer), willkommen auf Korsika! Sie sind ja viel jünger, als wir angenommen haben…..aber mit Ihren Referenzen….Sie scheinen ein wahrer Glücksgriff zu sein!”

Nachdem über meiner künftigen  Stellung noch immer der Schleier der Unwissenheit liegt, antworte ich brav:” Ja, wir Österreicher schaffen das schon!”, während ich darauf warte, daß er mir gleich die Küche, die Schwiegermutter oder den zu pflegenden Vollbluthengst vorstellen wird.

“Wissen Sie”, meint er bekümmert, “wir hatten schon eine Nanny aus London und eine sehr bemühte Frau aus Neapel…Ihre Vorgängerin war sogar eine  Njanja aus Sewastopol, aber der Wodka …… Umso froher bin ich, daß Sie sich der Herausforderung stellen  und meinen zwei Kindern Freundin, Lehrerin und Vorbild sein wollen! Ich danke Ihnen für Ihre Zuversicht–sie wissen ja aus meinen Briefen, daß Ihre Aufgabe keine leichte sein wird—aber nun kommen Sie herein- hier bei uns ist es üblich, das neue Familienmitglied mit Brot und Wein willkommen zu heißen.”

Als ich zu mir komme, nehme ich Jaques wahr, der mir mit einer Strassenkarte Luft zufächelt—ich liege unter einem Zitronenbaum, eine weißbeschürzte Frau schiebt ein Kissen unter meine Beine und ein besorgter Übeer reicht mir ein Glas Wasser: ” Die Kinder werden Sie dann morgen kennen lernen.”

Es isch Zeit!

Meine lieben, teuren, hochgeschätzten Leser!

Verzeiht meine lange Abwesenheit–ich weiß, daß einige von euch graue Haare bekommen haben, sich dem Alkohol ergaben und Extrasitzungen beim Psychotherapeuten ihres Vertrauens in Anspruch nehmen mußten. Mein letzter Beitrag im März war gleichzeitig ein Hilfeschrei an das Schicksal. Ich mußte und wollte meine Zelte abbrechen, um einer verheißungsvollen Zukunft Platz zu machen—-die vielen Briefe, die ich in den Tagen nach meinem FIND ME-Posting bekam, erschütterten mich bis in die Grundfesten meines Daseins.

“Bist du schon gefunden worden? hieß es da etwa hämisch oder “Ich FINDE DICH- super!” Die Krone hat dem Ganzen wohl jenes, anonyme, Schreiben aufgesetzt, in dem zu lesen war:

” Sehr geehrte Rosamunde Pülcher!

Ich finde, daß sich so schnell niemand finden wird, der Sie finden wird. Finden Sie nicht, daß Sie und Ihre schrägen Befindlichkeiten schön langsam eine Sache für´s Fundbüro werden? Dort landen ja schließlich alle Dinge, die man findet, aber nicht braucht. Finden Sie sich mal lieber damit ab, daß kein Mensch, der auch nur einen Funken Intelligenz besitzt, an Ihren seltsamen literarischen Ergüssen Gefallen findet. Deshalb-finden Sie sich selber, ein neues Hobby oder am besten gleich einen anderen Lebensmittelpunkt. Anbei sende ich Ihnen die neueste Ausgabe der “Fundgrube”–dort können Sie sich als das verkaufen, was Sie sind: Eine altjüngferliche, genußsüchtige, beziehungsunfähige Suffragette, die einfach keinen Stecher findet!

Mit unfreundlichen Grüßen,

XXX”

Dieses Schreiben, über dem ich einen Tag und eine lange Nacht grübelte, gab den Ausschlag für die folgenschwerste Entscheidung meines Lebens. Als ich um 5 Uhr morgens mit grauer Hautfarbe und geblähtem Bauch( ich erleichterte mir die schweren Stunden mit einer Flasche Bailey´s und getrüffelter Maronensuppe) vor den Spiegel trat, sagte ich mir: ” Rosa-es isch Zeit!” Die wildesten Gedanken überkamen mich-ich sah mir durchdringend in die Augen und wußte mit einem Mal: Es wird ein harter Kampf, den es zu schlagen gilt! Ich war  bereit, der Vorsehung meine Stirn zu bieten, hinaus ins Leben zu treten und demjenigen, der für mich bestimmt war, eine Chance zu geben, in eben dieses hinein zu treten. Ich dachte nicht lange nach–vor meinem geistigen Auge erschien ein in lose Sommerkleider gehüllter Frauenkörper (ICH!), mit im Winde wehenden Haaren, die Füße benetzt von sanft wogendem Meerwasser, Salz auf der Haut und da-plötzlich-eine starke Männerhand, die mich dorthin führt, wo ich nie zuvor…..

“Rosamunde! Himmel-bist du taub, oder was? Ich fahr in die Stadt-brauchst du was für´s Wochenende?”

Meine Nachbarin verscheucht die Gezeiten, ihr fragendes Gesicht erscheint am Fenster.

“Nein danke”, sag ich, “aber wenn du 10 Minuten warten kannst, fahr ich gleich mit. Ich muß nämlich zum Flughafen.Und : ich hab keine Zeit für Erklärungen”, schneide ich ihr das Wort ab. Wer diesen Blog verfolgt, weiß, daß  die liebe Joana schon einiges mit mir durchmachen mußte ( ja, ich geb ihr endlich einen Namen-auch das ist Teil meiner Veränderung)–sie ist deshalb auch gar nicht weiter erstaunt, sondern schüttelt bloß  den Kopf und hilft mir sogar beim Packen meiner Habseligkeiten. Viel nehm ich nicht mit: Reisepaß, Bargeld und ein lose flatterndes Sommerkleid.

Mit einem letzten, erleichterten Blick nehme ich meine Behausung wahr: das schmiedeeiserne Doppelbettt, die blickdichten Vorhänge, der bis zum Bersten gefüllte Kühlschrank( “Joana, wenn du zurück kommst, nimm doch bitte den Kaviar raus und mach dir einen schönen Abend—die Scampi kannst du dir ja morgen in die Pfanne hauen…), -sie sitzt schon im Auto und hupt.

Am Flughafen läßt sie mich aussteigen:” Du, was hast du denn eigentlich vor? Und wann kommst du denn wieder–ich mein, so kenn ich dich  gar nicht. Bist du…?”

“Alles ist gut”, lächle ich, “mach dir keine Sorgen, ich meld mich, ja?Und gieß mir bitte die Blumen…”

Bevor sie noch was sagen kann, bin ich auch schon draußen und durchquere die Halle. Vor einem Schalter finde ich mich wieder: ” Ich hätte gerne den nächsten Flug-egal, wohin!” Die Frau am Schalter zieht ihre Augenbrauen hoch, während sie sich ihren Teil denkt–sie überfliegt eine Liste und sagt: ” Hmm-der nächste Flug geht nach Korsika. Ist das ok für Sie?”

Ich reiche ihr meinen Paß und sag: “Wunderbar!”

Find me

  Die liebe N. bringt mir täglich frische Früchte, erlesene Gemüsesorten, die sie raffiniert zubereitet und die Tageszeitung. Ihre Gewissensbisse bezüglich meines Zusammenbruchs im Fitneßstudio gehen sogar so weit, daß sie mir angeboten hat, meine bescheidene Kellerwohnung 1x pro Woche gründlich durchzuputzen, sodaß ich  mich nur ja nicht überanstrenge. „Ach, weißt du, N.“ sprach ich mit brechender Stimme, „das kann ich nun wirklich nicht annehmen, es geht mir ja schon viel besser—gib mir nur meinen Stock-ich will ans Fenster treten und den Frühling begrüßen.“ Seitdem sie meine Gehhilfe gesehen hat, ist sie umso eifriger bemüht, mich nach Strich und Faden zu verwöhnen und ich muß gestehen, ich nutze diesen Umstand weidlich aus.

“Was willst du denn zu Abend essen, Rosa? Schreib mir einfach auf, wonach dir gelüstet und ich fahr gleich in die Stadt.“

Weil heute Sonntag ist und die meisten Geschäfte zu, wünsche ich mir eine Hokkaidocremesuppe mit Basilikumschaum, als Hauptspeise einen Cranberry-Hirse-Auflauf (ja-zwischendurch darf es auch mal was Süsses sein) und zum Abschluß bloß ein bißchen echten Gruyere-Käse mit Mantanilla-Oliven-Paste.

„Ich weiß nicht, Rosamunde—„, wirft sie schüchtern ein, „aber wo soll ich denn heut Kürbis und Preiselbeeren….?“

Weiter kommt sie nicht, weil ich plötzlich mit schmerzverzerrtem Gesicht aufjaule: „ Ach-ach—hört denn das niemals auf? Diese schrecklichen Rückenschmerzen—diese Messerstiche in meinen Wirbeln—das halt ich nicht aus-am liebsten wär ich tot!!“

Mit bleichem Gesicht schnappt sie sich den Autoschlüssel, murmelt vor sich hin und entfleucht.

Puuh-endlich Ruhe!

Ich werf meine Krücke in die Ecke, spring aus dem Bett und eile zu meinem Laptop. Vor einiger Zeit hab ich mich bei Love.at angemeldet, weil ich mir N.´s Ratschlag zu Herzen genommen habe. Ungläubiges Erstaunen in den Gesichtern meiner Leser? Ja, natürlich! Natürlich hab ich immer wieder bekräftigt, daß Wollust und Leidenschaft meine Sache nicht sind-natürlich werde ich nach wie vor mein Dasein im Keller mit niemandem teilen, aber ich muß gestehen, daß auch ich des Frühling´s brachiale Gewalt spüre und mein Hormonhaushalt sich diesem Advent nicht verschließen kann.

Kußmund35 ist eingeloggt und hat 19 Anfragen. Ich hab mein Profil etwas geschönt und erscheine virtuell als sportliche Single-Mittdreißigerin mit einem Faible für schöne Künste und Fernreisen. Meine beruflichen Ambitionen sind ausgereizt; mehr als mittleres Management muß ich mir nicht antun, da meine Hobbies recht zeitaufwändig sind und außerdem gibt es da noch die kleine Fischerhütte am Millstättersee.

Ein Key-account-assistant aus Wien möchte mich „sofort und auf der Stelle“ kennen lernen, er führt mich mich mit mountainbiking und rafting in Versuchung; „Darthwader“ aus Innsbruck(„28— das Alter ist Nebensache und ich schwör dir, bei mir wirst net alt!“) steht auf „reifere“ Frauen (gulp!)

 und der Josef aus Sinabelkirchen sucht eine kompetente Partnerin, die seinen Bauernhof managet und die Tyrranei seiner Mutter beendet. Die Liste ist endlos und ich bedaure: Ich bin entweder zu wählerisch oder zu verklemmt. 10 Jahre Enthaltsamkeit fordern ihren Tribut.

Meine Augen gleiten, inzwischen schon mehr oder weniger desillusioniert, über die Zeilen, als mir plötzlich jemand auffällt: „ Ich werde dich finden, wo immer du bist.“ Keine weiteren Angaben, nicht einmal ein Name. Ein anonymes Profil schaut mich an, es gibt nichts, woran ich irgendwas festmachen  könnte –ein undefinierbares Kribbeln steigt in mir hoch und heiß umströmt es meine Lenden. Der Teufel muß mich reiten,–soweit kann ich noch denken—und daß es unsinnig ist, zu antworten—Schauermärchen fallen mir ein, ein Psychopath vielleicht, der auf diesem Wege willige Opfer sucht, um sie in einer schwachen Stunde dahin zu meucheln oder jemand, der sich nur einen Jux machen möchte….

Ich höre das Auto der N. heranstottern, sie hält vor meiner Tür—mir bleibt keine Zeit zu überlegen—eine Autotür fällt zu, rasche Schritte nähern sich der Kellertür.

„Find me!“, schreibe ich, unterbrech die Verbindung und eile ins Bett.

„Rosamunde! Alles hab ich bekommen, nur Hokkaido haben´s nirgends gehabt. Ist es schlimm? Ich hab stattdessen Zucchini gekauft. Das ist ja auch ein Kürbisgewächs, oder?“

„Maah“, sag ich,“und ich hab grad so einen Gusto gehabt..aber is egal, mach mir nur schnell was zu essen—mir ist ganz komisch zumute.“

Die liebe N. tritt ans Bett, fühlt meinen Puls und mißt mir den Blutdruck. „Oje—160/90-hast du dich aufregen müssen inzwischen?“

„Ja,“ sag ich, „weil du so lang nicht daher gekommen bist.“

Rosamunde kommt!

Die liebe N. hat sich seit unserem letzten dramatischen Aufeinandertreffen in ihrem Häuschen verschanzt und tut, als würde sie mich nicht mehr kennen. Nicht einmal meine verlockenden Rufe vor ihrer Haustür (“N.-komm endlich raus, du nachtragende Funzen!”) konnten sie dazu bewegen, ihre starre Haltung mir gegenüber aufzugeben. So beschloß ich heute Morgen, mit einem Tellerchen Prosciutto und selbst gebackenem Baguette meinen Canossagang anzutreten. Wie ich erwartet hatte, stellte sie sich taub–ich hinterließ also meine Morgengabe am Fensterbrett und schob ein Brieflein unter ihrer Tür durch, in dem geschrieben stand:

“Meine liebe N., weil ich mich nicht schminken möchte, habe ich unsere Freundschaft, die mir mehr als alles andere in dieser Straße bedeutet, aufs Spiel gesetzt. Bitte sei wieder gut–ich werd mich auch nie mehr so dämlich anstellen, versprochen! Nimm als Zeichen meiner Zuneigung diesen Schinken und denk an mich, wenn du das Brot brichst. Immer-Deine Rosamunde”

Ich hatte kaum meinen Vorgarten erreicht, als folgendes passierte: eine Tür fiel ins Schloß, jemand hastete mir hinterher und schon hatte ich 2 Arme um den Hals. Die liebe N. drückte mir fast die Schlagader ab, so sehr freute sie sich über meine Botschaft; mehr noch darüber, daß ich zu ihr gekrochen kam–ich bemerkte wohl das leise Funkeln in ihren Augen, in denen ich las: Ha! Du kannst ja doch nicht ohne mich!

Nichtsdestotrotz spürte ich ehrliche Freude in mir–die N. und ich-wir gehörten einfach zusammen- Rührung stieg in mir auf und ohne zu realisieren, was ich tat, sprach ich die folgenschweren Worte: ” Ich bin sooo froh, daß du wieder mit mir redest!-Ich hab was gut zu machen bei dir und deswegen möchte ich, daß wir den heutigen Tag gemeinsam verbringen.” Insgeheim rechnete ich damit, daß sie mir einen Ausflug ins Grüne oder ein nettes Abendessen im einzigen 2Hauben-Lokal unseres Ortes vorschlagen würde. Von mir aus hätte ich auch den ganzen Tag damit zugebracht, mit ihr Urlaubsfotos anzusehen oder stundenlang Age of Empires zu spielen.

Sie jedoch sagte: “Fein-dann gehen wir ins Fitneßstudio.”

Nicht mehr und nicht weniger. Verehrte Leser, in euren Gesichtern sehe ich Bestürzung, und, was mir gar nicht gefällt, bei einigen sogar ein wenig Schadenfreude! Ich muß gestehen, daß es mir recht geschieht und werde euch deswegen nicht gram sein–lest nur weiter und erfährt, wie dieser schwarze Tag sein Ende fand!

Nirgendwo in meinem Kleiderschrank befanden sich Textilien, die ich zu diesem Zweck gebrauchen konnte–”gut, daß wir die gleiche Größe haben, ich freu mich schon”, bemerkte die N. und ich zauberte schnell ein gequältes Lächeln auf mein Gesicht. Diesmal würde ich sie nicht enttäuschen–ich schwörte,, meinen Egoismus zu unterdrücken und wer weiß: vielleicht fand ich ja auch Gefallen daran, meinen Körper wieder einmal zu spüren.

Eine halbe Stunde später bin ich im Fitneßstudio: Obwohl erst knapp über 40, fühle ich mich in Anbetracht all der gemeißelten Muskelpartien wie eine Greisin, die sich verlaufen hat und nicht mehr ins Altersheim zurück findet. Frauen und Männer, die verbissen an hochmodernen Geräten trainieren, umgeben mich, alle sind sehr schlank, viele blond, niemand lächelt. Die Frauen sind geschminkt(!) -die Männer haben enge Hosen an und Ruderleibchen, sodaß man Bizeps, Trizeps und Sixpack auch ja nicht übersieht, ein schmächtiger Herr mit Trichterbrust scheint noch am Anfang zu stehen–er müht sich redlich ab, von den Gewichten nicht erschlagen zu werden und ein buntes Plakat an der Wand zeigt 2 weibliche Wesen in Pose und Bikini, darüber der Spruch: “Mein Mann liebt jeden Muskel an mir!”

“Ich weiß nicht…”, fange ich an,-die N. schneidet mir mit einer Handbewegung das Wort ab und zischt:” Da kommt er schon!” ER ist ein 1,90Hüne und alle 650 Muskeln seines Körpers sind eingeölt und extrem entwickelt. ” Grüß dich, N. Wen hast du uns denn da mitgebracht?”, sagt er, macht Bussi-Bussi mit ihr und läßt dann langsam seine Blicke über meinen Körper gleiten. “Ui-das wird aber dauern, Sie haben wohl schon lange nix mehr gemacht, stimmt´s?” Ich will ihn grad fragen, weshalb er die Gesichtsmuskeln, die man zum Lächeln braucht, so schmählich vernachlässigt hat, da nimmt er mich schon an der Hand und führt mich zu einem Expander. Kenn ich zufällig aus Actionfilmen–Herr Schwarzenegger möchte, daß ich zuerst meine Brustmuskulatur aufbaue. “Für Damen extrem wichtig”, meint er,” den Bauch mach ma dann in den nächsten Wochen. Sie wissen, wie´s geht, oder?” Schon ist er dahin–die N. im Schlepptau, die auf einmal rosige Wangen hat und feuchte Lippen. “Wenns weh tut, sofort aufhören”, ruft er mir noch über die Schulter zu.

 Schon jetzt kann ich das Wort “extrem” nicht mehr hören, setz mich aber brav aufs Gerät und fange an, meinen Körper zu martern.

 Ich muß nach 10x stemmen die Gewichte raufschrauben und eigentlich gehts mir ganz gut bis 40 kg. Tja, denk ich stolz, eine Weinbauerstochter kann so leicht niemand unterkriegen. Ich riskiere einen Blick auf meine ca. 50jährige Mitstemmerin, die sich gerade frohen Mutes mit 100kg beschäftigt,  nebenbei mittels Freisprechanlage telefoniert und nicht schwitzt.  Ich weiß nicht, warum, doch plötzlich packt mich ein unerklärlicher Ehrgeiz.

 Ich beschließe, 30kg zu überspringen und stelle mein Gerät auf 70 ein. Meine Oberarme stellen sich erst folgsam dieser Herausforderung, doch mit jedem Zug, so scheint mir, breche ich nach und nach sämtliche Wirbel meines Rückgrats, egal-meinKopf ist hochrot, etwas in mir zerplatzt in leuchtende Splitter– ich atme lauter, jetzt zerspringt mein Schultergürtel, ich beginne zu stöhnen, heiß steigt es in mir auf–du schaffst es, Rosa-du schaffst es!–dann erfaßt eine Blutwelle mein Gesicht,- einmal noch!–rote Sterne tanzen vor meinen Augen, jemand schreit…

“Oh Gott-Rosamunde! Was is mit dir??” Ein kalter Waschlappen liegt auf meiner Stirn, jemand hält eine Wasserflasche an meinen Mund, alles ist dunkel. “So mach doch die Augen auf…ROSA!” Endlich finde ich zu mir–die liebe N. beugt sich besorgt über mich, daneben Hr. Schwarzenegger, er schaut ziemlich dämlich drein.

Ich weiß genau, was geschehen ist—aber: N. muß eine Lektion erteilt werden! So stelle ich mich ahnungslos, mit verschleiertem Blick setze ich mich auf, greife haltsuchend nach der N. Hand und stammle: “Was is denn passiert?”

Jetzt reden alle beide auf mich ein: daß ich wie wild trainiert habe, mich dabei völlig überschätzte, mein Stöhnen immer lauter wurde und ich letzten Endes mit einem finalen Aufbäumen in mich zusammen sackte.

Ich setz noch einen drauf, indem ich mich verwirrt umsehe, so, als wüßte ich gar nicht, wo ich mich befinde, nach mehr Wasser verlange und mich dann, auf N.´s Arm gestützt, schwerfällig erhebe. “Ich will nach Hause”, flüstere ich, “gehen wir, bitte?”

“Ja, sicher”, die N. muß mich halten, “es tut mir so leid, Rosamunde! Nie wieder werd ich dir das antun!”

“Is schon gut, N. Aah, mein Kopf!” Ganz blass ist meine gute Gefährtin, als sie mir ins Auto hilft, schweigend fahren wir durch die Stadt.

“Du”, sagt sie, “ich lad dich zum Essen ein, als  Wiedergutmachung–was hältst du davon?”

“Vielleicht morgen, N. Weißt, heut möcht ich nur noch ins Bett. Ich muß das erst einmal verdauen!”

Vor lauter schlechtem Gewissen hört die N. auf, zu sprechen, immer kleiner wird sie auf ihrem Fahrersitz und beinah tut sie mir leid. Aber Strafe muß sein!

Sie bringt mich in meinen Keller, bereitet mir eine Tasse Wohlfühltee und verabschiedet sich ganz geknickt.”Morgen gehts mir sicher besser–is ja nicht deine Schuld, daß ich so untrainiert bin. Geh jetzt–mach dir keine Sorgen!”

Sie schleicht davon wie ein geprügelter Hund. Ich schau ihr nach, wie sie meinen Vorgarten durchschreitet und als sie die Haustür hinter sich ins Schloß fallen läßt, schließe ich meine Vorhänge und mixe mir einen Protein-shake. Eine rauch ich noch–dann gehe ich ins Nebenzimmer, in dem TOTAL-GYM auf mich wartet. So aufgewärmt war ich schon lange nicht mehr.

Oh Weh!

Geneigte Leser, den rumlosen Abend ( stimmt sogar) werden wir bitte so rasch als möglich aus unseren Gedächtnissen streichen. Nur kurz sei noch angemerkt, daß sich Frankie um 2h morgens mein Mobiltelefon schnappte, um den erstbesten Menschen, der um diese Zeit noch abhob, flehentlich zu bitten, mich, die ich inzwischen hinter dem Weinregal kauerte und mit verrauchter Stimme “Mama-uuhuhuhu–didn´t mean to make you cry!” intonierte, unverzüglich ins Bett zu bringen.

Gottseidank war dieser Jemand meine junge Schwester S., die, was mich betrifft, nichts mehr erschüttert und sofort eine Kalesche losschickte (sie selbst KANN nicht autofahren), die mich nach Hause brachte– wurde mir erzählt.

Froh bin ich, wieder in meinem beschaulichen Keller zu sein–genug der Abenteuer! So sprach ich zur lieben N., die mich am nächsten Nachmittag heimsuchte, gerade als ich 2 Aspirin und ein Sachet Magnesium forte frühstückte. Mit triumphierendem Blick hielt sie mir einen Teller Haferschleimsuppe unter die Nase: “Für deinen Magen! Mehr sag ich nicht. Du weißt eh, was ich denk: Hättest dich ein bissl schöner…”.

“Halt die Klappe, N.—und deine komische Rekonvaleszentensuppe kannst du dir auch sparen! Ich brauch jetzt eine fette Eierspeise mit Kernöl und meine Ruhe! Kapischi?” Mit diesen Worten komplimentierte ich sie zur Tür hinaus–hocherhobenen Hauptes schritt sie von dannen. Die Haferflocken schüttete sie grimmig auf meinen Rosenstock im Vorgarten.

Diesmal ist sie, glaub ich, wirklich beleidigt. Ich beschließe, mich morgen zu entschuldigen—jetzt brauche ich erstmal Kalorien. Ich erwärme Kernöl allerbester Güte, und bevor es zu rauchen beginnt, schlage ich 4 Eier, die ich mit geselchten Almo-Rinderschinkenwürfeln vermischt habe, in die schwarze, gußeiserne Pfanne—eines der wenigen Erbstücke die mir von meiner Oma O. geblieben sind. Dazu genehmige ich mir 2 Scheiben Bauernbrot und einen halben Liter kalte Milch.

Eine Stunde später ist meine Welt mitsamt dem darin sich befindlichen Rosamunde-Körper wieder in Ordnung und es geht mir richtig gut!

Vor lauter Slibowitz-Nachwehen und N.-Abwehrungsversuchen hab ich gar nicht bemerkt, daß draußen schon wieder tiefster Winter herrscht–es schneit; dabei hatte ich mir in einem Anfall von Gesundheitsbewußtsein vorgenommen, meine in Mitleidenschaft gezogenen Lungenflügel zu belüften und mich in die Natur zu wagen.

Daraus wird jetzt natürlich nichts!

 Ohne mich rechtfertigen zu müssen, kann ich nun endlich  einer Passion frönen, die bis dato ein großes Geheimnis geblieben ist und Ihr, hochgeschätzte Leser, sollt Euch nur recht freuen, die Ersten zu sein, denen ich mich so offen und ehrlich mitteile, wie niemandem je zuvor.

Spitzt Eure Ohren und haltet Euch fest: Ich liebe Heimatfilme!

Damit meine ich nicht den schalen Abklatsch, den unsere heimische TV-Anstalt uns unter dem Deckmantel der gemütlichen heilen Welt verkaufen möchte–drittklassige Filmchen, in denen ein gewisser H.H. stets einen freundlichen Forstangestellten, Bergdoktor oder heimkehrenden Soldaten der Fremdenlegion mimt—Schauspielerinnen, auf die sonst kein Engagement mehr wartet, höhere Töchter oder unehelich gezeugte Erbinnen darstellen und die dann brav in den “Seitenblicken” von der künstlerischen Auslegung ihrer Rolle berichten.

Die wahre Freude der “alten” Filme offenbart sich mir mit Hans Moser, Adrienne Gessner, Gunter Philipp, und meinem Herzblatt: O.W. Fischer, den, wenn das Schicksal so gnädig gewesen wäre, uns aufeinandertreffen zu lassen, ich mit allen Regeln der Kunst verführt hätte, aufdaß er mich einmal-einmal nur-geküßt hätte!  Weil ich selbst im Schreiben merke, daß die Emotionen mit mir durchgehen wollen, wie feurige, ungezähmte Mustangs, bitte ich um Nachsicht–auch in mir schlummern ungeahnte Leidenschaften.

Ich werde mir also den heutigen Abend mit einer DVD versüssen, die den dramatischen Titel “Erzherzog Johann´s große Liebe “ trägt und von der Zuneigung der Postmeisterstochter Anna Plochl aus Aussee zu dem Prinzen Johann aus Wien erzählt. Die Einzelheiten dieser das Herz zerreißenden Love-Story erspare ich meinem verehrten Publikum–zu groß ist meine Angst, als altjüngferliche Frustbuchtel (copyright: Wolfgang Ambros) abgestempelt zu werden–nichtsdestotrotz muß ich anmerken, daß selten zuvor und  kaum danach 2 Menschen aus unterschiedlichen Klassen unter derart widrigen Umständen 7 Jahre aufeinander gewartet und trotzdem letzten Endes glücklich…..Ja, is schon gut.- Die liebe N. zeigt mir grad den Vogel durch´s Fenster–sie liest offenbar online mit.

Mit steinerner Miene ziehe ich den Vorhang zu. Dann lösche ich das Licht, zünde  sämtliche verfügbaren Kerzen an, schnapp mir eine Flasche Frucade light und werfe mir meinen königsblauen Schlafmantel über. Mein kuscheliges Bett wartet auf mich-und O.W.—-PLAY!

I´m not your Valentine!

J.R. also möchte” the day they drove old Rosie down” in angemessener Umgebung, sprich, einer oststeirischen Buschenschenke, beschließen. Er hat meinen schönen Namen amerikanisiert, und nennt mich jetzt “Rousi”, weil ich die erste Hürde auf dem steinigen Weg zur “Miss Straußenritt” zwar nicht mit Bravour, doch immerhin tapfer und todesverachtend gemeistert habe.

“Auf der Farm hamma alle englische Namen–zu mir sagen´s ja auch J.R. Des klingt a bissl internationaler und wennst wieder amal kommst, sagst bitte auch gleich Määm zur Mutti, ok?”

Ich bitte ihn, schneller zu fahren, weil ich mir so bald als möglich ein Halberl Wein einverleiben möchte–wieso, in DreiTeufels Namen, lern ich immer nur Typen kennen, die in die Klapsmühle gehören, bzw. schon mal dort waren? Ich denk mir grad, daß ich vielleicht in einer Stunde rasende Kopfschmerzen, einen Blinddarmdurchbruch oder eine bis dato übersehene, aber nun plötzlich akut gewordene Schußwunde vortäuschen werde, als mein edler Ritter noch hinzufügt: “Ah, ja: der Johnny und die Sue-Mary kommen auch. Sie war vor 2 Jahren “Miss Straußenritt”….kannst dir ja was abschauen bei ihr.”

“Von ihr”–tönt es in meinem gemarterten Schädel…”von ihr!” Ich beschließe jetzt schon, es nicht bei meinem Halben zu belassen–den letzten Rausch hatte ich zu Silvester und meine Leber hatte genug Zeit, sich für den heutigen Abend auf Vordermann zu bringen. Eine Frau muß tun, was eine Frau tun muß—

Wir halten beim Buschenschank “Steiner-Michl”: Ein Buschenschank ist in meiner Erinnerung ein gemütlicher Ort in ansprechender Umgebung, vorzugsweise eingebettet in idyllische Weingärten mit einem Gastraum-holzvertäfelt oder einem urigen Gewölbe, wo Wein aus dem Weinheber kredenzt wird oder in Glaskaraffen .Die Frau des Hauses serviert Verhackert mit Selchwürstl und frisch gerissenem Kren oder Bratlfettbrote mit Knoblauch drauf. Wenn man Glück hat, gibt es in heißem Schmalz ausgebackene Strauben und zu später Stunde setzt sich der Weinbauer dazu, um eine Runde doppeltgebrannten Sligowitz zu schmeißen.

Die Location, die J.R. mir im Moment zumutet, ist ein riesiger Glaspalast mit Wintergarten und Palmen. Die Mauern des sich “Kellerstöckl” schimpfenden Gebäudes sind nicht älter als 10 Jahre und innerhalb von 3 Minuten zähle ich 4 Kellner, die sich mit dunkelroten, wadenlangen Schürzen kostümiert haben. Ein kurzer Blick auf den Parkplatz genügt: G–Schatzi1 usw. erzählen mir anschaulich, welches Publikum mich erwartet. Ich schau an mir herunter und finde endlich Anlaß zur Freude: dreckige Jeans, alte Sneakers und bevor wir reingehen zerwuschel ich noch schnell meine Haare.

Ich geh voran, öffne die breite Schwingtür und fühle ungefähr 39 konsternierte Augenpaare auf mir-und ja, da kommt auch schon ein rotbeschürzter Lakai mit strengem Blick auf mich zu, will den Mund öffnen, erblickt dann J.R., der sagt: ” Hei, Frankie-paßt schon. Sie ghört zu mir!”

Frankie-mittlerweile hat er seine Gesichtsmuskeln professionell zur Ruhe gebracht-führt uns an einen Vierertisch, an dem bereits 2 Menschen sitzen.Ich weiß nicht mehr, welche Jahreszeit wir haben, wo ich herkomme und wer ich bin, denn vor mir sitzt ein bärtiger Enddreißiger mit Oberlippenbart, weitausladendem Cowboyhut, Holzfällerhemd und Lederhose. Die dazugehörige Dame trägt lilafarbene Leggings, ein Fransenshirt (gefertigt aus dem Büffel, den sie höchstwahrscheinlich letzten Herbst erlegte..oh Gott, ich will was trinken!) und eine blonde Lockenfrisur. An ihrem Haaransatz kämpft ein kräftiges Braun ums Überleben und als sie aufsteht, um mir die Hand zu reichen, bemerke ich 1., daß sie Stilettos mit Kuhfleckenmuster trägt und 2. einen Gürtel, der aus einem Lasso gefertigt worden sein muß.

“Darf ich vorstellen:” Rousi, Johnny, Sou-Mary”….Die beiden werfen ein cooles “Hey” in meine Richtung und verfallen anschließend sofort in eine heiße Diskussion mit J.R., der ihnen erzählt, daß er mich zur nächsten “Miss Straußenritt” trimmen möchte. Ich bestelle  einen Liter vom Besten, weil ich die drei Freunde nicht unterbrechen möchte und eigentlich ganz glücklich bin so allein. Niemand merkt, daß er beobachtet wird und ich kann kann in Ruhe meine Milieustudien betreiben. Sou-Mary hat tatsächlich künstliche Fingernägel mit einem Muster drauf. Ich erkenne  nach meiner ersten Flasche. daß es sich dabei um ineinanderfließende ,total runde Straußeneier handelt oder sind es doch nur die olympischen Ringe? Johnny wiederum hat einen Schlüssel auf dem Tisch liegen, der viele Anhänger hat und ich bemühe mich wirklich, sie alle zu erkennen. Da sind: ein Straußentotenkopf,ein kleines Plättchen, auf dem steht:” Dolly Parton forever”, das Wappen von Texas und etwas, das ich beim besten Willen nicht ausmachen kann.

“Frankie-Boy”, rufe ich mutig und laut, “bring mir doch noch eine Flasche!” Die junge(?) Frau am Nebentisch schafft es, ihre Stirn in Falten zu werfen und mir einen mißbilligenden Blick zuzuwerfen.Sue-Mary schaut mich verstört an, Johnny schüttelt den Kopf und J.R.flieht aufs Clo.  Jetzt ist mir alles egal. Ich steh auf und geh zu ihr.

“Meine Liebe-sie haben einen schlechten Arzt-ich hab ihre Mimik gesehen!”

Der langen Rede kurzer Sinn: J.R. ist nicht zurückgekommen–seine beiden Freunde gaben vor, mich nicht zu kennen und der Kellner im roten Gewand hat mir zu später Stunde einen doppeltgebrannten Sligowitz serviert. Immerhin.

I´m taking a ride

Nachdem die liebe N. mich verlassen hatte, um sich und ihre Enttäuschung  hemmungslos ins Nirvana zu trinken, wusch ich mir schnell die Schminke vom Gesicht, malte mir mit Konturenstift prophylaktisch einige abschreckende Pickel auf Kinn und Stirn und aß drei Zehen Knoblauch pur.

Enthaltsamkeit muß leiden, tröstete ich mich mit gelähmter Zunge und nassen Augen. Als J.R. an mein Kellerfenster klopfte, hatte ich gerade die Luftballonprobe gemacht–der Odeur, der mir aus dem prallen, rosaroten Gummischlauch entgegenblies, würde selbst den hartnäckigsten Verehrer nach den ersten Worten in die Flucht schlagen.

“Halloooo”, hauchte ich ihm ins Gesicht, nicht ohne vorher kräftig Luft in meine Lungen gepumpt zu haben.

J.R. zuckte kaum merklich zurück, hatte seine Fassung aber im nächsten Moment wieder gefunden und drückte mich an seine Schulter.

“Gut schaust aus…”, bemerkte er, während er meine fleckigen Jeans und das überdimensionale alte Hemd musterte, das meinem Vater gehört hatte und das ich normalerweise nur anziehe, wenn ich mir wieder einmal einbilde, eine entfernte Großgroßcousine irgendeines berühmten Malers zu sein und auf der Suche nach geerbten Talenten Leinwand und Pinsel malträtiere.

“Von mir aus können wir fahren”, -mit diesen Worten schnappte ich mir einen Bund Hollandtulpen und in sein fragendes Gesicht hinein: ” is auch von einer Straußenfarm–Keukenhof in Lisse–na, für deine Mutter!”

Ich hatte mir schon vorher geschworen, diesem Tag nicht die geringste Chance zu geben, wenn mein Wortwitz bei J.R. vorbei gehen würde wie der berühmte Krug—sein verständnisloser Blick, die in Falten geworfene Stirn sprachen Bände.

“Ich war noch nie in Lisse–die Portugiesen mit ihren Abkürzungen, cool, haha!”. versuchte er, die Situation zu retten. ” Aber jetzt komm–let´s take a ride!” Dabei grinste er vieldeutig, gab mir einen Klaps auf den Hintern und schob mich zum Auto.

Ich beschloß, das Folgende über mich ergehen zu lassen wie ein kurzes Sommergewitter: es nervt ein bißchen, aber wenn es vorbei ist, ist der Himmel so blau wie selten zuvor.

Ziel: die Straußenfarm: ein gemütlicher Marktflecken irgendwo in der Oststeiermark…sanfte Hügel, die geduldig auf den Frühling warten, eine Kirche mit dazugehörigem Frühschoppengasthof und eine Handvoll Häuser drumherum. Die Farm entpuppt sich als Bauernhof mit allem, was landläufig dazu gehört: Hund, Katze, Schweine, ein abgetakelter Haflinger und —2 Straussen!

“Wir sind noch in der Anfangsphase”, sagt J.R. stolz. “Pioniere quasi, weil hier bei uns gibt´s das ja nicht. Die 2 müssen erst Kinder machen!”

Er sagt tatsächlich “Kinder machen” und ich bemühe mich redlich, meine Mimik unter Kontrolle zu halten und nicht die Augen zu verdrehen.

Im selben Moment erscheint gottseidank seine Mutter, der ich dankbar die Tulpen in die Hand drücke.

Sie ist sehr hager, ihr schmales Gesicht ist beinah faltenfrei mit intelligenten, warmen Augen darin. Man merkt, daß sie nicht viel tut, außer arbeiten, denn ihre Hände sind ganz rau und rissig.Sie nimmt die Tulpen-”wie gut, daß es Holland gibt”, sagt sie, ” sonst hätten wir um diese Zeit nicht viel Schönes.”-und hält sie mit ihren schmutzigen Händen wie ein teures Geschenk.

J.R. drängt-er will mich reiten sehen.

Was soll ich sagen über diesen Tag? Daß das arme Tier, die Straußin, und ich die größte Mühe hatten, zueinander zu finden? Daß 2 starke Männer nötig waren, um mich auf das bemitleidenswerte Vieh zu hieven? Daß ich nach wenigen Metern aus reinem Selbsterhaltungstrieb unfreiwillig, aber gerne, der Straußin Rücken verließ? I will never be a goucho, denke ich, bevor ich am Boden aufpralle.

Die gute Mutter hat Kaffee gemacht und B´soffene Liesl. Das sind Zwiebackscheiben mit ganz viel Zucker und die werden dann in Most ertränkt. Ich finde das großartig und nehme 3x davon. Ich merke, daß meine Wangen heiß werden und J.R. verspricht sich sicher einen schönen Abschlußabend, weil er auf der Küchenbank immer näher rückt und jedes Mal mein Knie streichelt, wenn die Mutter uns den Rücken zukehrt.

Sie fragt nicht, in welchem Verhältnis ich zu ihrem Sohn stehe, ihre wachen Augen haben schon längst meine Körpersprache übersetzt.

Bevor wir gehen, haben wir noch kurz ein paar Minuten allein.

“Schön, daß Sie da waren”, sagt sie und dann:” ich bin sicher, daß Sie nicht mehr her kommen.”

Ich will fragen, doch sie meint nur:” Danke für die Blumen…wissen Sie, bei der ganzen Arbeit hier vergißt man leicht das Schöne. Manchmal würde ich mich am liebsten in den Keller verziehen und nur das tun, wozu ich grad Lust hab. “

J.R. erscheint in der Tür–sie drückt meine Hand: ” Alles Gute”, sagt sie–dann dreht sie sich um und verschwindet im Haus.

Ich bin ganz perplex, steig ins Auto und denke nach. J.R. sieht mich von der Seite an: “Und? Hat´s dir gefallen? Gehen wir noch auf einen Absacker?”

“Sicher”, sag ich. ” Gemma!”

Mona Lisa

Heute Nachmittag also wurde ich von meiner STEWEAG-Bekanntschaft abgeholt, die mir erst am Telefon gestanden hatte, ihr 2. Vorname laute Roderich. “Gute Freunde dürfen mich J.R. nennen, weil ich ja dem weiblichen Geschlecht auch nicht abgeneigt bin, hahaha….”. Schauspielerisches Talent hab ich von der alten U, Gott hab sie selig, geerbt, deswegen säuselte ich ins Telefon, wie geehrt ich mich denn fühle, in den Genuß einer Verabredung mit dem leibhaftigen J.R…. “Paßt scho!”, erwiderte er und irgendwas in mir begann zu grauen.

Die liebe N. war  im Vorfeld so aufgeregt, daß sie über den Fußabstreifer stolperte und mit dem Gesicht gegen die Eingangstür rummste. “Daß du mir ja nicht auf die Idee kommst, wie ein Mauerblümchen aus dem Haus zu gehen”, rief sie mir mit blutiger Nase entgegen, ” ich hab Schminkzeug dabei!”

Mit diesen Worten hievte sie eine Kosmetiktasche, was heißt: einen Kosmetikkoffer, auf den Tisch, zauberte Lockenwickler und Netzstrümpfe aus einem Stoffbeutel und sah mich, hektische rote Flecken auf Stirn und Wangen, mit einem Blick an, der keinen Widerspruch duldete.

Ich verdrehte die Augen, aber sie hatte mich schon am Arm gepackt und in den Fauteuil ( 2x falsch geschrieben:-)) gedrückt.

“Bitte-Rosamunde-laß dich EINMAL von mir hübsch machen! Weißt, du hast so ein liebes Gesicht, aber wenn du dich immer herrichtest, wie eine graue Maus, wirst du nie Einen finden! Die Konkurrenz schläft nicht!”

“Jetzt bestimmt nicht”, erwiderte ich, ” es ist schließlich schon 11. “

“Mit ist wirklich nicht zum Scherzen. Halt die Klappe-ich muß mich konzentrieren!” Ich fügte mich gottergeben meinem Schicksal und ließ die liebe N. kleistern, malen, rougen und concealen.

Nach gefühlten 2,5 Stunden richtete sie sich zufrieden auf, wischte sich ein paar Schweißperlen von der Stirn und hielt mir triumphierend einen Spiegel vor´s Antlitz.

Im ersten Moment hatte ich den Eindruck, eine völlig Fremde lächle mir entgegen-ja, mir kam beinahe vor, ein Titelbild der “Vogue” zu betrachten. Dunkle Mandelaugen mit halbgesenkten Lidern versprachen Paradiesisches, ohne zu fordern–verführerisch schimmernde Lippen warteten nur darauf, selig-verliebte Worte in ein heißes Ohr flüstern zu dürfen–der zarte Bogen meines Jochbeins und die dezent gefärbten Brauen vervollständigten das Bild einer steirischen Mona Lisa–aufregend und geheimnisumwoben…..

Als ich fertig geträumt hatte, legte ich den Spiegel beiseite, um zum finalen Schlag auszuholen: “Das ist ja schön und gut-aber weißt du eigentlich, daß J. mich auf die Straußenfarm seiner Eltern eingeladen hat? Ich hab mir gewunschen, einmal auf so einem Vieh zu sitzen, und ich glaub kaum, daß ich mit diesem Gesicht über Stock und Stein reiten kann, ohne daß diese Malerei sich in Schweiß auflöst.”

Lot´s zur Salzsäule erstarrtes Weib kann nicht anders ausgesehen haben, als die liebe N. in dieser fürchterlichen Sekunde. Fast tat sie mir ein bißchen leid, wie sie da mit herabhängenden Armen stand die Handflächen nach oben  gedreht und die Schultern gesenkt. Ihr verzweifelter Blick schweifte ins Leere, fing sich dann in einem Döschen moosgrünen Lidschattens und kehrte endlich zu mir zurück.

Sie sah mich kurz an, schenkte sich  eine Pinacolada ein, in die sie einen großen Extra-Schluck-Rum goß und leerte das Gebräu in einem Zug,während sie sich nach ihren Utensilien bückte. Wortlos verließ sie meine Kemenate, nicht ohne sich vorher eine zufällig herumstehende Wodkaflasche unter den Arm geklemmt zu haben.

Jetzt kann ich mich endlich für J.R. zurecht machen—um die liebe N. kümmere ich mich morgen.

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